Full text: Bevölkerungslehre

454 Zweiter systematisch-theoretischer Teil 
nur von der Art der gesellschaftlichen Ordnung abhinge, um diese 
Möglichkeiten zugunsten der Menschheit vollkommen und restlos 
ausnutzen zu können. Die älteren Sozialisten waren in dieser Hin- 
sicht getreue Schüler jener optimistischen Richtung des ökono- 
mischen Individualismus, den wir oben kennen gelernt haben. 
Friedrich Engels hat gesagt: „Die der Menschheit zu Gebote 
stehende Produktionskraft ist unermeßlich. Die Ertragsfähigkeit des 
Bodens ist durch die Anwendung von Kapital, Arbeit und Wissen- 
schaft ins Unendliche zu steigern.“ „Diese unermeßliche Produktions- 
fähigkeit, mit Bewußtsein und im Interesse aller gehandhabt, würde 
die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum ver- 
tingern; der Konkurrenz überlassen, tut sie dasselbe, aber innerhalb 
des Gegensatzes“ 1). 
Den gleichen Optimismus finden wir bei Bebel, der gemeint 
hat, „daß die Ausnutzung der vorhandenen Nahrungsquellen durch 
die Anwendung von Wissenschaft und Arbeit, gar keine Grenzen 
erkennen läßt und jeder Tag uns neue Entdeckungen und Er- 
findungen bringt, welche die Quellen der Nahrungsgewinnung ver- 
mehren.“ Ob diese gewaltigen Möglichkeiten auch richtig ausgenützt 
werden können, hängt von nichts anderem ab, als von der gesell- 
schaftlichen Ordnung. „Überall“, so sagt er an der genannten Stelle, 
„sind es die sozialen Einrichtungen — der bestehende Erzeugungs- 
und Verteilungsmodus der Produkte — die Mangel und Elend er- 
zeugen und nicht die Zahl der Menschen“?). Oppenheimer hat 
sogar die Behauptung aufgestellt, daß solange die absolute tech- 
nische Grenze der Produktivität noch nicht erreicht sei, nach Fort- 
fall des Lohnsystems der Wohlstand der Menschen, das heißt, ihre 
Versorgung mit Genußgütern bis zu einem Grade gesteigert werden 
könne, „der für unsere Begriffe übermenschlich ist. Die Möglichkeit 
jedem Mitglied der Gesellschaft ein durchschnittliches Einkommen 
zu gewähren, wie es heute der Millionär hat, ist durchaus gegeben“ ®). 
Wir haben auch bereits an anderen Stellen gesehen, wie vielfach 
man die Größe des Nahrungsspielraumes als von der Art der gesell- 
schaftlichen Ordnung abhängig erklärte und die soziale Not als 
alleinige Folge der vorhandenen Wirtschaftsordnung ansah. In dieser 
Hinsicht ist kein grundsätzlicher Unterschied zwischen Marx auf der 
1) F. Engels, Umrisse, a. a. O., S. 452. 
2) Die Frau, a. a. O., S. 453. 
3) Die soziale Frage u. d. Sozialismus, 1012, S. 182/83.
	        
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