4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 55
auf einen Quadratkilometer gekommen !). Für England liegt in dem
„Doomsdaybook“ der großen Landesaufnahme Wilhelm des
Eroberers eine Quelle vor, die man ebenfalls bereits zu Feststellungen
für die Volkszahl benutzt hat. Man kam zu einer Gesamtsumme
von 283242 wirtschaftlich selbständigen Männern?) und
Beloch“®) hat auf dieser Grundlage für diese Zeit die Bevölkerung
Englands ohne Wales auf ı,5 Millionen geschätzt, was einer Dichte
von 11,4 auf einen Quadratkilometer entsprechen würde.
In dem Dargelegten liegt das einzige, was sich über die Verhältnisse
der europäischen Bevölkerung für jene ältere Zeit an Überlieferungen
vorfindet. Jede direkte brauchbare Zahlenangabe fehlt
und was wir in der eben dargelegten Weise annähernd berechnen
können, bezieht sich im allgemeinen nur auf kleinere Gebietsteile,
Wir müssen uns natürlich hüten, derartige Zahlen — auch wenn sie
vielleicht für die betreffenden kleineren Gebiete zutreffen — irgendwie
auf größere Länder zu übertragen. Besonders irreführend ist
dabei die Berechnung der Volksdichte. Zunächst fehlen uns alle
Anhaltspunkte dafür, ob und in welchem Umfang wir berechtigt
sind, eine solche Übertragung von kleineren auf größere Gebiete
vorzunehmen. Es genügt zur Begründung, darauf hinzuweisen, welch
große Dichtigkeitsunterschiede wir z. B. heute in den einzelnen
deutschen Gebietsteilen wahrnehmen. Aber selbst wenn man zu
dem einwandfreien Ergebnis käme, daß in dieser älteren Zeit die
Bevölkerungsdichte auf dem heutigen Reichsgebiet z. B. 10 auf den
Quadratkilometer betragen habe, so könnten wir unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten damit nicht allzuviel anfangen; denn es fehlt uns
jede Vergleichsmöglichkeit zu der Größe des Nahrungsspielraums.
Das ist auch dann der Fall, wenn man ganz von der Ausbildung
von Gewerbe und Handel in der späteren Zeit, die ja den Nahrungsspielraum
stark vergrößert hat, absieht. Es handelt sich vielmehr
darum, worauf bereits einmal hingewiesen worden ist, daß in diesen
älteren Zeiten ein wesentlich größerer Teil des Landes mit Wald,
Sumpf und Mooren bedeckt war, also für die Besiedelung gar nicht
in Frage kommen konnte. Es ist durchaus möglich, daß im Hinblick
auf die Größe des Nahrungsspielraumes damals die Volksdichte eine
relativ größere gewesen ist als in den späteren Zeiten. Denn in
bezug auf die Beziehungen von Wirtschaft und Bevölkerung hat
1!) E. Levasseur, La population frangaise, Bd. ı, S. 124ff., Paris 1889.
*) Gneist, Englisches Verwaltungsrecht, Bd. ı, 1867, S. 118ff.
%) J. Beloch, Die Bevölkerung Europas im Mittelalter, Z. f, Sozialwissenschaft,
Bd. 3, 1900.