Full text: Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels 1861-1867 / herausgegeben von D. Rjazanov (Abt. 3, Briefwechsel, Bd. 3)

(738) 1861 Mai? 
Jen, vom spectre rouge verfolgt. Er betrachtet seine „liberale“ 
Popularität als Falle, die ihm die Umsturzpartei gelegt. 
Unter diesen Umständen nun wäre es in der Tat ganz zeit- 
zemäß, wenn wir nächstes Jahr eine Zeitung in Berlin heraus- 
geben könnten, so widrig mir persönlich der Platz ist. 20—30 000 5 
Taler wären in Verbindung mit Lassalle etc. zusammenzubringen. 
But hic jacet. Lassalle machte mir direkt den Vorschlag. Zu- 
gleich vertraute er mir an, daß er neben mir Redakteur en chef 
sein müsse. Und Engels? fragte ich ihn. „Nun, wenn 3 nicht zu 
viel sind, so kann ja auch Engels Redakteur en chef sein. Nur 10 
dürftet ihr zwei nicht mehr Stimmen haben als ich, da ich sonst 
jedesmals überstimmt würde.“ Als Gründe, warum er mit an die 
Spitze treten müsse, gab er an: 1. daß er der bürgerlichen Partei 
in der allgemeinen Meinung näher stehe und daher leichter Geld 
beibringen könne; 2. daß er seine „theoretischen Studien“ und 165 
'heoretische Ruhe aufopfern müsse, und davon müsse er doch 
atwas haben etc. Indes, fügte er hinzu, wenn Ihr nicht wollt, „so 
würde ich nach wie vor bereit sein, dem Blatt pekuniär und lite- 
rarisch behülflich zu sein; es wäre dies ein Vorteil für mich; 
ich hätte den Nutzen des Blatts ohne die Verantwortlichkeit usw.“ 20 
Dies natürlich sentimentale Redensarten. Lassalle, geblendet 
Jurch das Ansehn, das er in gewissen Gelehrtenkreisen durch sei- 
nen Heraklit und in einem andren Kreis von Schmarotzern durch 
zuten Wein und Küche hat, weiß natürlich nicht, daß er im großen 
Publikum verrufen ist. Außerdem seine Rechthaberei; sein 2 
Stecken im „spekulativen Begriff‘“ (der Bursche träumt sogar von 
einer neuen hegelschen: Philosophie auf der 2ten Potenz, die er 
schreiben will), seine Infektion mit altem französischem Libe- 
ralismus, seine breitspurige Feder, Zudringlichkeit, Taktlosigkeit 
usw. Lassalle könnte als einer der Redakteure, unter strenger 30 
Disziplin, Dienste leiten. Sonst nur hblamieren. Aber Du siehst, 
ich war in großer Verlegenheit bei der großen Freundschaft, die 
er mir bewies, mit der Sprache herauszurücken. Ich hielt mich 
also in allgemeiner Unbestimmtheit, sagte, daß ich nichts ent- 
scheiden könne ohne vorherige Besprechung mit Dir und lupus. 
(Das war Hauptgrund, warum ich Dir nicht aus Berlin schrieb, 
Ja ich in Berlin keine Antwort von Dir über diesen Punkt haben 
wollte.) Entschieden wir uns negativ, so wollten die Gräfin und 
Lassalle eine Reise für ein Jahr nach dem Orient oder nach Italien 
antreten. But here’s the rub. Er erwartet nun Antwort von mir, 4 
Jie ich nicht länger aufschieben kann. Der Bursche ist furchtbar 
pathetisch, und so blieb mir nichts übrig, als eine beständige Iro- 
nie ihm entgegenzustellen, die seine Eigenliebe um so mehr ver- 
letzte, als dadurch die Gräfin, der er sich als Universalgenie impo- 
niert hat, bedenkliche Emanzipationsgelüste von diesem Buddha 
Z. 41 (Der) —45 —
	        
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