Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

Preises, Leopold Ziegler, mit einem gewissen Recht 
von einem „neuen Mittelalter‘, einer neuen korpo- 
rativen Ordnung des Gemeinschaftslebens sprechen konnte. 
Gegenüber dieser Entwicklung kann man als Staatsbürger 
zwei Haltungen einnehmen. Man kann sagen: Gerade weil 
diese Kollektivmächte, diese Korporationen des wirtschaft- 
lichen und sozialen Lebens so stark geworden sind, ist es 
notwendig, über ihnen und gegen sie den Staat zu 
stärken, das heißt dann auch, diesem Staat wirtschaft- 
liche und soziale Aufgaben zu übertragen. Oder man 
kann sagen: Der Staat sollte diese korporativen Mächte 
mehr dienen lassen. Er sollte sich entlasten und frei 
halten für wesentliche Hoheits- und Führungsaufgaben und 
jenen Korporationen geeignete Aufgaben überweisen, die 
dann. durch Zusammenarbeit und Selbstver- 
waltung gelöst werden. 
Zwischen diesen beiden Auffassungen sehen wir heute 
auf breiter Front einen geistigen Kampf entbrennen. Angel- 
punkt dieses Ringens ist der Autonomiegedanke. 
Hinter. den Fronten sehen wir als treibende Kräfte sowohl 
den Idealismus, eine neue Vorstellung von Staat und Volk, 
als auch den Macht- und Herrschaftswillen, selbstver- 
ständlich auch oft die Mischung dieser beiden Kräfte, Denn 
man muß Hendrik de Man darin zustimmen, daß selten der 
Leib eines sozialen Machtwillens ohne die Seele eines 
gesellschaftlichen Ideals ist und umgekehrt. Für die 
Autonomie treten heute in steigendem Maße Kreise der 
jungen Generation ein, im iungliberalen Lager, in 
katholischen Jugendgruppen, im Jungdo und in den jung- 
konservativen Kreisen des Rings. 
Gegen den Autonomiegedanken marschiert 
der Machtwille des Sozialismus. 
der die Demokratie nur als Etappe zum Staatssozialismus 
betrachtet. Man darf sich nicht dadurch beirren lassen, 
daß gerade von den freien Gewerkschaften sehr früh der 
Gedanke der Tarifautonomie entwickelt wurde. Auch 
das war nur Uebergang, erste Etappe. Wir sehen heute, 
wie die Ziele schon viel weiter gesteckt sind, und auch 
der Weg schon weiter geführt ist. Die Zwangsschlich- 
tung, die Annäherung an das staatliche Lohnamtssystem, 
verwirft den Gedanken der Tarifautonomie, der lohn- 
politischen Selbstverwaltung und Auseinandersetzung der 
Arbeitsparteien unter der fadenscheinigen Maske, nur dann 
eingreifen zu wollen, wenn jene Autonomie versage. Denn 
eine Autonomie, vor allern eine junge Selbstverwaltung 
und Selbstverantwortung muß notwendig versagen, sie kann 
gar nicht reifen, wenn ein antoritäres System zur Verfügung 
sieht, auf das man sich zarückziehen, auf das man Ver- 
antwortung abschieben kann. In Unternehmerkreisen hat 
man sich gerade im Kampf um das Schlichtungs- 
wesen auf einem Teilgebiet zum Gedanken der 
sozialen Autonomie durchgerungen. 
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