Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

men helfen. Die Lohnpolitik scheidet also aus. Ebenso 
scheiden alle anderen Maßnahmen aus, die, wie die Werks- 
tonpflege, Werksgemeinschaft, Berufsausbildung, Siedlung, 
Altersfürsorge, Pensionskassen- und Versicherungsbildung 
'etzt schon und ohne Aenderung der Rechtsordnung ver- 
wirklicht werden können, oder schon verwirklicht worden 
sind, z. T. auch, wie insbesondere die Werkstonpflege, die die 
selbstverständliche, manchmal vergessene Achtung des im 
höchsten Sinne Menschlichen in jedem Mitarbeiter und die 
Ausschaltung der sich hier im Persönlichen ergebenden, 
unnötigen Reibungen bezweckt, gerade in einer auf die 
verantwortungsbewußte - Persönlichkeit abgestellten Wirt- 
schaftsform viel eher dürchgeführt werden können. 
Es bleibt also schließlich nichts anderes übrig, als die 
allgemeine Behauptung, daß das Bewußtsein des Arbeiters, 
seinen Betrieb unmittelbar „für den Vorteil der Ge- 
samtheit‘“ und nicht mehr „für den Profit“ einer mehr 
oder weniger großen Zahl von privaten Eigentümern ar- 
beiten zu sehen, ihn so beschwingt, daß er die natürlichen 
Arbeitshemmungen leichter überwindet, als ohne dieses 
Bewußtsein, und daß die Tatsache, daß er als vollberech- 
tigter Wirtschaftsbürger durch seinen Vertreter im Be- 
triebsrat, Aufsichtsrat und Direktorium usw. zu Worte 
kommt, dazu beiträgt, ihn die Betriebsangelegenheiten in 
gesteigertem Maße als die seinen betrachten und mit grö- 
Serer innerer Teilnahme wahrnehmen zu lassen. Diese 
Rechtfertigungstheorie läuft auf eine einfache Parallele zu 
den bekannten Melodien zugunsten der Demokratie über- 
haupt hinaus, in der das Leitmotiv: Alles durch das Volk, 
alles für das Volk! bekanntlich ebenfalls zu einer Erhebung 
des Staatsgedankens und zu einer Verstärkung echter 
vaterländischer Leidenschaft beitragen soll. Da es aus- 
geschlossen ist, die Richtigkeit dieser Theorie zwingend 
aus der Geschichte abzuleiten und zu beweisen, und da 
sich eine Einhelligkeit der Auffassung selbst über geschicht- 
lich einwandfreie Tatbestände nicht erzielen läßt, gehören 
sowohl der politisch-demokratische als auch der wirtschafts- 
demokratische Gedanke in das Reich der politischen 
Dogmen. Man wird sie glauben oder auch nicht. Man wird 
sich von ihnen erhoben fühlen oder auch nicht. ; 
Es ist im übrigen vielleicht nicht undankenswert, an 
dieser Stelle daran zu erinnern, daß der Sozialismus die 
Derhokratie, besonders das parlamentarische Vertretungs- 
system, dessen zweifelhafte Segnungen wir augenblicklich 
zu genießen den Vorzug haben, keineswegs einheitlich und 
erst recht nicht restlos optimistisch beurteilt. Wenigstens 
hat er das zu einer Zeit nicht getan, wo die Meinungsbil- 
dung im sozialistischen Lager noch nicht durch die zarte 
Rücksicht auf den eigenen Besitz mitbestimmt wurde, so 
int Kriege. Sollte beispielsweise die Warnung des alten 
Kautsky in seinem Büche „Befreiung der Nationen“ 
heute nicht auch innerhalb des demokratischen Lagers auf 
ein gewisses Verständnis stoßen, wenn er darauf hinweist, 
daß die drei Mittel der Demokratie: „Presse“, „Partei“ und 
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