Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

ebenso wie das politische aus -— die guten Säfte im 
Stamme unseres Volkes nicht „aufsteigen‘“ können, 
wenn man einmal, wie es der „Deutsche“ implieite tut, 
akademische Bildung ohne weiteres mit Sozia- 
lem Aufstieg gleichsetzt? 
Es wäre weiterhin interessant, festzustellen, wie viele 
der Gewerbetreibenden, mittleren und ante- 
ren Beamten, Privatangestellten und der in 
ireien Berufen Tätigen, die ihren Sohn studieren 
lassen. im ersten oder zweiten Glied aus Arbeiter- oder 
doch Kleinbürgerfamilien stammen. Wer die Verhältnisse 
in unseren Industriestädten kennt, der weiß, wieviel ehe- 
malige Arbeiter durch Kleinhandel, Landwirtschaft im 
Nebenbetrieb zu Hausbesitz, Vermögen und Ansehen ge- 
kommen sind, ganz abgesehen von der beachtlichen Schicht 
derienigen Arbeiter, die in den Betrieben aufstiegen 
und Angestellte oder Beamte wurden. Hier sind lange 
Jahrzehnte für den Mittelstand, dem der Marxismus Ja 
ein frühes und grundsätzliches Ende prophezeit hatte, die 
ergiebigsten Quellen der Veriüngung geflossen. Genaue 
Zahlen darüber gibt es zwar nicht; aber die erwähnte 
Erscheinung an sich war vor dem Kriege weitverbreitet 
und wurde allgemein als ein günstiges Symptom gewertet. 
Diese Art des Aufstieges von Arbeitern entspricht 
allerdings nicht den Absichten der Sozialisten und Gewerk- 
schaftler. Denn erstens steht er unter dem biblischen 
Gesetz, wonach sich Segen oder Fluch eines Menschen- 
lebens in Generationen seiner eigenen Familie auswirken 
sollen. Und zweitens ist dieser Aufstieg durchweg indi{- 
vidueller Natur. 
Finen individuellen und im Rahmen der Familie 
organischen Aufstieg sieht aber das Programm 
unserer Gewerkschaitler und Sozialisten nicht vor. 
Diese Aufstiegsmethode ist ihnen bürgerlich anrüchig. Die 
neuen Elemente des Mittelstandes gehen der Arbeiter- 
klasse verloren und schwächen die Front ihrer Solidarität 
sowohl zahlenmäßig als auch moralisch durch ihr Beisriel 
eines individuellen Lebenserfolges. Gewerkschaftler und 
Sozialisten aber wollen den solidarischen Aufstieg 
der Arbeiterschaft als Klasse und möglichst noch heute und 
zu dieser Stunde, 
Wer wollte solchem Ziele seine Sympathie versagen? 
Wer möchte es nicht für wünschenswert halten, daß die 
geistige und Soziale Verfassung unserer Arbeiter sich so 
schnell hebt wie möglich? Ist der sozialistisch-gewerk- 
schaftliche Weg aber der richtige? Ja, ist er überhaupt 
möglich? 
Das gewerkschaftliche Bildungsprogramm enthält 
zwei Elemente, Das eine neigt dabin, die Arbeiter- 
bildung klaren Wegs auf den Kampfifzweck der Ge- 
werkschaften abzustellen, die klassenkämpferischen An- 
schauungen und Wertmaßstäbe, welche die geistig-sittliche 
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