Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

Es ist ein. Irrtum, wenn die freien Gewerk- 
schaften die wirtschaftliche Demokratie als 
dem Sozialismus wesenseigen proklamieren 
und dementsprechend auf der anderen Seite 
die Dprivatkapitalistische Wirtschaftsordnung 
als dem Wesen nach autokratisch zu kenn- 
zeichnen unternehmen, 
Tatsächlich zeigt die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, 
Jaß auch im Rahmen der kapitalistischen Produk- 
tion starke anti-individualistıische ‘ Tenden- 
zen zur Durchsetzung gelangt sind. Vornehmlich im Be- 
‚eich der Sozialgesetzgebung und des Arbeitsrechts, In der 
zesamten Sozialgesetzgebung prägt sich letzten Endes 
nichts anderes als. der Tatbestand aus, einen nicht un- 
srheblichen Teil des . volkswirtschaftlichen Reinertrages 
jer freien Verfügung seitens der einzelnen zu entziehen 
und ihn nach gesetzlichen Normen zur Sicherung der 
sicherungsbedürftigen Bevölkerungsschichten zu verwen” 
den: wie auch in den weitläufigen Vorschriften und Maß- 
nahmen, die dem „Schutz der Arbeitskraft“ dienen, sich der 
Gedanke verlebendigt, die Arbeitskraft gegen eine selbst- 
herrlich-autokratische, sich nur nach dem Gewinnstreben 
orientierende Führung des Wirtschaftsprozesses zu schüt- 
zen. Insofern zeigt die geschichtliche Gestaltung des 
Kapitalismus, daß ihm eine „demokratische“ Ordnung in 
den Beziehungen zwischen Arbeitskraft und Unternehmen, 
soweit sie mit den Bedingungen ökonomischer Vernunft- 
yemäßheit, d. i. der ungestörten Entäußerung der Pro- 
iuktivkräfte vereinbar, keineswegs fremd und feindlich ist. 
Das tritt noch augenscheinlicher‘ im industriellen 
Arbeitsverhältnis zutage. In ‚der Ausbreitung der Tarif- 
vereinbarungen verkörpert sich die Anerkennung der 
Arbeiterverbände als gleichberechtigter Mitbestimmungs- 
iaktor bei der Festsetzung der Arbeitsbedingungen. .. Von 
einer autokratischen Regelung des Arbeitsvertrages kann 
schon längst keine Rede mehr sein. Der Grundsatz einer 
— wenn man will — sozialen Demokratie hat hier 
weitreichende Geltung gefunden; die laut erhobene .Forde- 
rung der Gewerkschaften schlägt offene Türen ein. 
Doch die gewerkschaiftlichen Bestrebungen greifen 
weiter in das Gebiet. der Produktion hinein, In zwei 
zroßen Entwicklungsreihen sehen Sie die wichtigsten 
Ansatzpunkte: in der Kartell- und Konzernbildung und in 
der ökonomischen Betätigung der öffentlichen Hand. In 
der Tat kommt in der Konzernbildung eine wichtige Um- 
biegung des kapitalistischen Geschichtsprozesses zum Aus- 
druck, deren ‚Auswirkungen jedoch in. einer durchaus 
anderen Ebene legen, als die Gewerkschaften meinen. 
Das entscheidende Kriterium ist nämlich 
die weitgehende Trennung zwischen Unternehmung 
und Kapitalbesitz, 
die von der Rechtsform der Aktiengesellschaft vor- 
bereitet und durch die neuzeitliche Konzernbewegung 
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