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Dichtung.
ihn hemmen und verwirren.“ Aber freilich, dieser Natur—
zustand gilt Sudermann als möglich nur bei großen und
freien Charakteren, wie Regine deren einer gewesen war.
Für uns gewöhnliche Sterbliche wird, „was die Natur von
uns fordert, zu Schmutz und Sünde“, — und doch erscheint
uns, „was die Menschensatzung will, schal und ab—
geschmackt“. „Es ist gut, daß in diesem Chaos, wo gut und
böse, Recht und Unrecht, Ehre und Schmach wirr durch—
einander taumeln und wo selbst der alte Gott im Himmel
ohnmächtig dahinschwindet, ein fester Pol uns übrig bleibt, um
den sich alles aufs neue ordnen muß, ein Fels, an den wir
Ertrinkenden uns klammern können, und an dem es zu scheitern
selbst noch Wollust ist — das Vaterland.“
So steht für Sudermann fest, daß in dem Schwanken
moderner Weltanschauung und Sittlichkeit eine neue Ord—
nung nur aus der größten aller diesseitigen gesellschaftlichen
Ordnungen, der nationalen, hervorgehen kann, und daß sich
ihren Geboten jedermann fügen muß, will er nicht untergehen.
Auch jene Urnaturen, darf man freilich fragen, die mit
den Wurzeln ihrer Kraft bis in eine Zeit gleichsam vor
aller nationalen Ordnung, und damit auch vor aller Kultur
zurückreichen? Und die Antwort kann nur lauten: auch sie.
Und damit ist ein Herd großer sittlicher Konflikte im Drama
geschaffen.
Hat nun aber der Dramatiker Sudermann schon von dieser
Erwägung aus geschaffen? Wie man auch seine Dramen be—
trachte: die stärksten Konflikte auf diesem Gebiete hat er noch
nicht aufgesucht, und von seinen letzten Dramen im besonderen
führt „Johannes“ einen von vornherein sittlich entwurzelten,
mehr als modernen Charakter vor, während im „Johannis-
feuer“ der sittliche Konflikt, der sich in der soeben umrissenen
Form bis dicht zur Katastrophe entwickelt, schließlich doch noch
umgebogen wird: unbedingt und über alles siegt die Sittlichkeit
der sozialen Triebe, des Hauses, der Heimat.
Ist so die Stellung auch Sudermanns im einzelnen noch
zweifelhaft, wie es in noch viel höherem Grade und viel inner—