fullscreen: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

374 
Dichtung. 
ihn hemmen und verwirren.“ Aber freilich, dieser Natur— 
zustand gilt Sudermann als möglich nur bei großen und 
freien Charakteren, wie Regine deren einer gewesen war. 
Für uns gewöhnliche Sterbliche wird, „was die Natur von 
uns fordert, zu Schmutz und Sünde“, — und doch erscheint 
uns, „was die Menschensatzung will, schal und ab— 
geschmackt“. „Es ist gut, daß in diesem Chaos, wo gut und 
böse, Recht und Unrecht, Ehre und Schmach wirr durch— 
einander taumeln und wo selbst der alte Gott im Himmel 
ohnmächtig dahinschwindet, ein fester Pol uns übrig bleibt, um 
den sich alles aufs neue ordnen muß, ein Fels, an den wir 
Ertrinkenden uns klammern können, und an dem es zu scheitern 
selbst noch Wollust ist — das Vaterland.“ 
So steht für Sudermann fest, daß in dem Schwanken 
moderner Weltanschauung und Sittlichkeit eine neue Ord— 
nung nur aus der größten aller diesseitigen gesellschaftlichen 
Ordnungen, der nationalen, hervorgehen kann, und daß sich 
ihren Geboten jedermann fügen muß, will er nicht untergehen. 
Auch jene Urnaturen, darf man freilich fragen, die mit 
den Wurzeln ihrer Kraft bis in eine Zeit gleichsam vor 
aller nationalen Ordnung, und damit auch vor aller Kultur 
zurückreichen? Und die Antwort kann nur lauten: auch sie. 
Und damit ist ein Herd großer sittlicher Konflikte im Drama 
geschaffen. 
Hat nun aber der Dramatiker Sudermann schon von dieser 
Erwägung aus geschaffen? Wie man auch seine Dramen be— 
trachte: die stärksten Konflikte auf diesem Gebiete hat er noch 
nicht aufgesucht, und von seinen letzten Dramen im besonderen 
führt „Johannes“ einen von vornherein sittlich entwurzelten, 
mehr als modernen Charakter vor, während im „Johannis- 
feuer“ der sittliche Konflikt, der sich in der soeben umrissenen 
Form bis dicht zur Katastrophe entwickelt, schließlich doch noch 
umgebogen wird: unbedingt und über alles siegt die Sittlichkeit 
der sozialen Triebe, des Hauses, der Heimat. 
Ist so die Stellung auch Sudermanns im einzelnen noch 
zweifelhaft, wie es in noch viel höherem Grade und viel inner—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.