Object: Sozialismus und Regierung

123 
greßmitglieder getrachtet, aber ihnen durch diese Versuche einige der 
Mittel entwendet, deren sich europäische Gesetzgeber erfreuen, um sich 
mit der Verwaltungspraxis vertraut zu machen, um sogar die Kunst 
der Gesetzgebung in Administrationsfragen zu erlernen. Man hat sie 
dazu verurteilt, Architekten ohne wissenschaftliche Methodik, Kritiker 
ohne Erfahrung und Zensoren ohne Verantwortlichkeit zu sein 1 .“ 
Dieser Gedanke der Bremsvorrichtungen und Regulatoren hat in 
unseren eigenen Pflanzstaaten eine abweichende Gestalt angenom 
men. Durch Nachahmung des Mutterlandes haben die Kolonien das 
Zweikammersystem eingeführt. Gute Früchte hat es jedoch nicht ge 
tragen. Ein hervorragender kanadischer Schriftsteller, der Verfasser 
von Sir Wilfrid Lauriers Leben, schreibt: „Seit der Organisation des 
Commonwealth hat der Senat den Grundsatz befolgt, daß der Zweifel 
an der Zweckmäßigkeit und Gerechtigkeit der konservativen Gesetz 
gebung ein flagranter Verrat an den britischen Institutionen in Nord 
amerika sei." 2 Der Montreal Witneß, ein ob seiner konservativen und 
liberalen Ansichten bekanntes Blatt, äußerte sich über die Verhand 
lungen, die 190g im kanadischen Senate über dessen eigene Reform 
stattfanden, wie folgt: 
„Ein Haus, das dem Lärm und dem Zanke der Parteien entrückt 
wäre, gewänne für eine gewissenhafte und durchdachte Gesetzgebung 
in nichtkontroversen Fragen Muße. Dies ist in der Theorie alles recht 
schön, doch in der Praxis ist der Senat unverzüglich ein Instrument 
der Parteigönnerschaft geworden; das Parteigefühl herrscht dort ebenso 
ausschließlich, wenn nicht so ausgereift, wie im Unterhause. Schon 
jahrelang ist der Senat bei jedem Regierungswechsel das, was heute 
das House of Lords ist: nichts als eine Todeskammer für jede Maßregel, 
die die Opposition zur Vernichtung verdammt hat.“ 
Obgleich er sich gegen das Einkammersystem aussprach, machte der 
kanadische Spezialkorrespondent der Morning Post bei der Diskussion, 
zu der die Daily Witneß den Text lieferte, folgende Bemerkungen über 
den Senat: 
• .Die Absicht ist gewesen, daß der Senat die Interessen der kleinen 
Provinzen beschützen und eine sich überstürzende Gesetzgebung kor 
rigieren und hemmen sollte; daß Männer, die auf geistigem und kom- 
1 Siehe Bryce: American Commonwealth, I., pp. 3°4—3°5- 2 Siehe J.S. Willi- 
son: Sir Wilfrid Laurier and the Liberal Party, I., p. 412.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.