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greßmitglieder getrachtet, aber ihnen durch diese Versuche einige der
Mittel entwendet, deren sich europäische Gesetzgeber erfreuen, um sich
mit der Verwaltungspraxis vertraut zu machen, um sogar die Kunst
der Gesetzgebung in Administrationsfragen zu erlernen. Man hat sie
dazu verurteilt, Architekten ohne wissenschaftliche Methodik, Kritiker
ohne Erfahrung und Zensoren ohne Verantwortlichkeit zu sein 1 .“
Dieser Gedanke der Bremsvorrichtungen und Regulatoren hat in
unseren eigenen Pflanzstaaten eine abweichende Gestalt angenom
men. Durch Nachahmung des Mutterlandes haben die Kolonien das
Zweikammersystem eingeführt. Gute Früchte hat es jedoch nicht ge
tragen. Ein hervorragender kanadischer Schriftsteller, der Verfasser
von Sir Wilfrid Lauriers Leben, schreibt: „Seit der Organisation des
Commonwealth hat der Senat den Grundsatz befolgt, daß der Zweifel
an der Zweckmäßigkeit und Gerechtigkeit der konservativen Gesetz
gebung ein flagranter Verrat an den britischen Institutionen in Nord
amerika sei." 2 Der Montreal Witneß, ein ob seiner konservativen und
liberalen Ansichten bekanntes Blatt, äußerte sich über die Verhand
lungen, die 190g im kanadischen Senate über dessen eigene Reform
stattfanden, wie folgt:
„Ein Haus, das dem Lärm und dem Zanke der Parteien entrückt
wäre, gewänne für eine gewissenhafte und durchdachte Gesetzgebung
in nichtkontroversen Fragen Muße. Dies ist in der Theorie alles recht
schön, doch in der Praxis ist der Senat unverzüglich ein Instrument
der Parteigönnerschaft geworden; das Parteigefühl herrscht dort ebenso
ausschließlich, wenn nicht so ausgereift, wie im Unterhause. Schon
jahrelang ist der Senat bei jedem Regierungswechsel das, was heute
das House of Lords ist: nichts als eine Todeskammer für jede Maßregel,
die die Opposition zur Vernichtung verdammt hat.“
Obgleich er sich gegen das Einkammersystem aussprach, machte der
kanadische Spezialkorrespondent der Morning Post bei der Diskussion,
zu der die Daily Witneß den Text lieferte, folgende Bemerkungen über
den Senat:
• .Die Absicht ist gewesen, daß der Senat die Interessen der kleinen
Provinzen beschützen und eine sich überstürzende Gesetzgebung kor
rigieren und hemmen sollte; daß Männer, die auf geistigem und kom-
1 Siehe Bryce: American Commonwealth, I., pp. 3°4—3°5- 2 Siehe J.S. Willi-
son: Sir Wilfrid Laurier and the Liberal Party, I., p. 412.