Die Pariser Wirtschaftskonferenz. 133
Sogar in England, das jetzt zur Kriegszeit den Wirtschaftskrieg
in so meisterhafter Weise zu organisieren verstanden hat, ist gleich
nach der Bekanntgabe der Beschlüsse der Pariser Wirtschaftskonferenz
von seiten bedeutender Männer — darunter von einer größeren Zahl
von Mitgliedern des Unterhauses — öffentlich Protest erhoben worden
gegen die Aufgabe des Freihandels nach dem Krieg. Die Mitte Juli
1916 in der englischen Presse wiedergegebene Erklärung lautet:
„Angesichts der Gefahr, die unserm Freihandelssystem infolge der Zustimmung
der Regierung zu den auf der Pariser Wirtschaftskonferenz gefaßten Beschlüssen droht,
sehen wir uns veranlaßt, unserer Überzeugung, daß kein Grund für einen Wechsel in
der englischen Zollpolitik vorliegt, mit allem Nachdruck Ausdruck zu geben. Wir weisen
jene Argumentation als falsch und unehrlich aufs schärfste zurück, die behauptet, daß
die Gesetze des Wirtschaftslebens und die Regeln der gesunden Vernunft durch die gegen-
wärtigen Verhältnisse dauernd ausgeschaltet worden sind, daß trade after war etwas
ganz anderes sein wird, als der Handel vor dem Kriege, und daß in Zukunft Bureaukratie
und staatliche Regelung industrielle Tatkraft und geschäftliche Tüchtigkeit ersetzen
können, durch die unser Reichtum und unser Handel in der Vergangenheit aufgebaut
worden sind. Dieser Krieg hat den Beweis von der Stärke des Freihandels und der
Schwäche der Schutzzollpolitik erbracht, und zwar bei uns sowohl als im Auslande.
Nach dem Kriege wird der Freihandel für Großbritannien und das britische
Weltreich nötiger als je sein; nur wenn wir zur billigen Produktion und zum un-
gehinderten Handelsverkehr mit allen Nationen zurückkehren, werden wir in der Lage
sein, unsere kommerzielle und industrielle Überlegenheit wieder zurückzugewinnen und
von unserm Einkommen jene gewaltigen Summen abzugeben, die nötig sind, um die
Pensionen der Kriegsinvaliden und Hinterlassenen zu zahlen und die Zinsen für eine
Schuld von unerhörter Größe aufzubringen.‘ ;
Die in diesem Brief angedeuteten Gesichtspunkte werden sodann in einem aus-
führlichen „Memorandum“‘, das im Londoner „Economist‘“ vom 8. Juli in extenso ab-
gedruckt ist, noch im einzelnen näher erörtert. Das Dokument schließt mit folgendem
Appell: „Niemand konnte erwarten, daß die Volkswirtschaft unter irgend einem zoll-
politischen System für eine so gigantische Katastrophe, wie es dieser Krieg ist, voll-
kommen gerüstet war, Aber zweifellos hat unser Land der Erschütterung am besten
standgehalten. Der Freihandel war erprobt im Frieden — er hat sich damals als die beste
Politik erwiesen. Nun wurde er erprobt im Kriege — und auch hier hat er seine Über-
Jegenheit gezeigt. Geben wir den Freihandel daher nicht preis! Unterlassen wir es
— um mit einem Wort des verstorbenen Lord Goschen zu reden —, leichtsinnig die
billige Ernährung unseres Volkes aufs Spiel zu setzen!‘
Die englische Regierung hat Mitte Juli 1916 eine Kommission eingesetzt, die die
auf dem Gebiete des Handels und der Industrie zu befolgende Politik, die nach
dem Kriege angewendet werden soll, im Zusammenhange mit den Beschlüssen der
Wirtechaftskonferenz der Alliierten sowie in bezug auf folgende Fragen zu beraten hat:
1. Schritte, um die Industrien zu erhalten und einzurichten, die für die Sicher-
heit der Nation wesentlich sind; .
2, Maßnahmen zur Wiedergewinnung des heimischen und ausländischen
Handels, soweit er während des Krieges verloren gegangen ist und zur Sicherung
neuer Märkte;
3. Mittel für die Entwicklung der Hilfsquellen des Reiches und Vorkeh-
rungen dagegen, daß die Hilfsquellen für die Versorgung innerhalb des Landes unter
die ausländische Kontrolle fallen.