fullscreen: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Naturphilosophie. — Telesio. 
mal in ihr erzeugt werden, dauernd festzuhalten und willkürlich 
oder auf einen äusseren Anreiz hin von neuem in sich hervorzu- 
rufen. Auf diesem Vermögen der Reproduktion, das zu dem ur- 
sprünglichen Vermögen der Wahrnehmung hinzutritt, beruht 
alles vermittelnde Schliessen und alle denkende Verknüpfung des 
Geistes, Der „Verstand“ ist nichts anderes, als die allseitige An- 
wendung jener primitiven Tätigkeit, die wir als physiologisches 
‚Gedächtnis“ bezeichnen können. Alle Einsicht, die wir in das 
Wesen der Dinge gewinnen, beruht auf der Möglichkeit, ähnliche 
Eindrücke als solche zu erkennen und von einer Teilwahrnehmung, 
die uns unmittelbar gegeben ist, zu dem Gesamtkomplex über- 
zugehen, in dem sie uns früher erfahrungsgemäss begegnet ist. 
So wird aus wenigen bekannten Eigenschaften eines gegebenen 
Körpers — etwa aus seiner Härte, seiner Dehnbarkeit und Farbe 
— unmittelbar zu der Vorstellung desjenigen empirischen Ganzen 
fortgeschritten, das wir durch den Namen und Begriff des Goldes. 
bezeichnen. Alles Leben und aller Fortschritt der Erkenntnis 
führt sich auf dergleichen Analogieschlüsse, auf ein blosses 
Vermuten aus associativer Erinnerung, zurück, Der „Intellekt“ 
ist selbst nur gleichsam ein besonderes Sinnesorgan, vermittels 
dessen wir das Entfernte, das keine direkte Einwirkung auf uns 
ausübt, aufzufassen vermögen. Notwendigerweise freilich bleibt 
eine solche Auffassung, verglichen mit der Wahrnehmung des 
Gegenstandes selbst, lückenhaft und unvollkommen. Das Denken 
bietet keine Kritik und keine Kontrolle der Sinne, sondern nur 
einen Notbehelf, der sich einstellt, wo die direkte Empfindung 
fehlt. Es über die Sinne setzen hiesse das Mittel höher stellen, 
als den Zweck, von dem es einzig seine Bedeutung empfängt; 
hiesse das echte Ziel des Erkennens über dem zufälligen und 
ausserlichen Werkzeug vergessen. 4!) 
Man hat Telesio wegen dieser Sätze einen Vorläufer des Sen- 
sualismus genannt, damit aber, bei aller äusseren Uebereinstim- 
mung .in den Hauptsätzen,. das. Zentrum und .die geschichtliche 
Eigenart seiner Lehre nicht zutreffend bezeichnet. Im Sensualis- 
mus herrscht, wenngleich.in unfertiger Weise, dennoch das Interesse 
der Erkenntnis vor: es wird die Aufgabe gestellt, von den Empfin- 
dungen und Eindrücken den Weg zu den objektiven Gegenständen 
zu finden. .Die Psychologie bildet den Ausgangspunkt und die
	        
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