274 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
davon ab, wie sich der junge Kaiser zur religiösen Bewegung
stellen werde.
Karl war seit dem Jahre 1515 formell Herrscher der
Niederlande; in Wahrheit blieb er, geistig ungemein langsam
reifend, noch lange, auch körperlich schwach und zart, in den
Händen seiner Ratgeber, namentlich des klugen Wallonen von
Chièvres. Und diese Lage verbesserte sich für ihn keineswegs
seit dem Tode seines Großvaters, des Königs Ferdinand von
Aragon (28. Januar 1516). Jetzt galt es, Spanien zu ge—
winnen; waren hierzu die niederländischen Herren die geeigneten
Ratgeber? Karl gelangte erst spät nach Spanien; seine fremde
Umgebung erregte sofort nationale Empfindlichkeiten; und ver—
einzelte Spuren persönlicher Selbständigkeit Karls, die sich in
absolutistischer Richtung bewegten, vermochten ihm die Liebe
der neuen Unterthanen auch nicht zu gewinnen. Dazu kamen
schon jetzt finanzielle Verlegenheiten; sie zwangen zu ungewohnter
Anspannung der spanischen Steuerkraft. Gründe genug, um
im Lande eine Unzufriedenheit hervorzurufen, die sich bald im
Streben der Einzelkönigreiche Aragon, Catalonien und Valencia
nach früherer Selbständigkeit und in einem hartnäckigen Auf—
stande des dritten Standes, der Communeros, äußerte. So
waren die Verhältnisse Spaniens keineswegs geklärt, als Karl
im Frühjahr 1520 das Land verließ; die Communeros fochten
weiter; erst später stellte sih der Adel auf Seite Karls; und
es war ein besonderer Glücksfall, daß der Connetable Valesco
die Aufständischen am 28. April 1521 bei Villalar gründlich
zu Boden schlug.
Aber auch dann blieb der Besitz Spaniens für Karl nicht
dornenlos. Es mag davon abgesehen werden, daß die spanische
Krone wenig eintrug, trotz der Eroberung der amerikanischen
Boldländer. Vor allem bedeutete die Herrschaft über Spanien
nebst Unteritalien, wie sie jetzt mit Burgund vereint war, eine
dauernde Bedrohung und somit Gegnerschaft Frankreichs; und
dieser Gesamtbesitz, wie er nun nochmals erweitert war durch
den Erwerb der Kaiserkrone und die Verfügung über die öster—
reichischen Herzogtumer und damit auch Mittelitalien um—