Full text : Werke und Schriften bis Anfang 1844 (1,2.1930)

Einleitung

XII

Als Beitrag zur Geschichte des Bildungs- und Entwicklungsganges von
Marx sind diese poetischen Versuche von großer Bedeutung, ja sicherlich
von größerer als die von Mehring beschriebenen, verlorengegangenen
drei Gedichthefte. Obwohl der zeitliche Abstand zwischen den beiden
Perioden poetischen Schaffens kaum einige Monate beträgt, kündigt sich
im Inhalt des späteren Heftes bereits ein Fortschritt der inneren Entwicklung
 an.

Die früheren drei Hefte enthielten nach Mehrings Bericht mit einer
Ausnahme reine Liebeslyrik und phantastische Romanzen und Balladen.
Die Charakteristik, die Mehring seinerzeit von dieser Lyrik gab, trifft auch
auf einen nicht geringen Teil der im vorliegenden Heft enthaltenen Gedichte
 zu. Ja es ist sicher, daß Marx mehrere Stücke aus den Büchern
der „Liebe“ und der „Lieder“ in dieses Heft übernommen hat. Die von
Mehring gegebenen Hinweise auf den Inhalt ermöglichen die Feststellung,
daß dies für die Gedichte „Sirenengesang“, „Lucinde“, „Die beiden Harfensängerinnen“,
 „Lied an die Sterne“ und „Das bleiche Mädchen“ gilt.
Vermutlich hielt Marx diese für gelungener als die übrigen. Ob sonst
noch Dichtungen aus jenen Heften hierher übernommen wurden, läßt
sich nicht feststellen. Wie dem aber auch sei: ein großer Teil der übrigen
 Gedichte dieses späteren Heftes unterscheidet sich in keiner Weise von
jenen Versuchen, die der Verfasser selbst und später Mehring so erbarmungslos
 abgeurteilt haben.
In diesem Heft befinden sich nun aber einige Gedichte, die zwar
ebensowenig poetische Begabung zeigen wie die früheren, bei alledem
aber dem realen Sein näher stehen. Ihre Grundlage ist wirklich Erlebtes.
Das literarische und kulturelle Leben des damaligen Berlin, aktuelle
wissenschaftliche und philosophische Kämpfe spiegeln sich in ihnen
wider, und ein sehr bestimmtes Urteil des jungen Autors kommt hier zum
Ausdruck.

Einige Gedichte sind sicherlich der Nachklang von Diskussionen, die
der junge, von der Überlegenheit seiner Wissenschaft überzeugte Student
der Rechte und der Philosophie mit den Studenten anderer Disziplinen
gehabt hat. In einem verspottet er die Mathematiker, die aus der Vernunft
ein Rechenexempel machen und die Liebe auf algebraische Formeln bringen
 wollen.‘) In sechs Epigrammen verhöhnt er die Mediziner, welche
Psychologie, Metaphysik, Anthropologie und Ethik auf leibliche Prozesse
reduzieren und eine Blume nur so weit beachten, als sie zu einer Kräuterbrühe
 geeignet ist.?) Der junge Karl Marx urteilt hier mit der Leiden-1)

 1/2, 15
2) 1/2. 16/17
            
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