Full text: Werke und Schriften bis Anfang 1844 (1,2.1930)

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(26) 1839 Dez, 11 
die von den Eltern förmlich zu beständigen Belagerern bestellt sind, 
haben einen zu großen Einfluß auf die hiesige weibliche Welt gehabt, als 
laß etwas besonders Gescheites hätte herauskommen können, Ich muß 
arst nach und nach bekannter werden und besonders in einige wenige 
Häuser kommen, wo jener Einfluß fern gehalten wird, um für das Allge- 
neine urteilen und mich vielleicht fürs Einzelne entscheiden zu können. 
Der Übergang zu auch einem, wenn auch alten Weibe, ist bald ge- 
macht. Fichte’n habe ich seit einiger Zeit nicht gesehen. Wie es mit seinen 
Vorlesungen geht, habe ich noch nicht erfahren, sein allgemeiner Kredit 
aber ist hier gar nicht besonders groß und sein Renommee als Philosoph ! 
ist nicht bedeutend. Du wirst daher in dieser Beziehung leichtes Spiel 
haben. Mache nur, daß Du im Sommer lesen kannst. Nichts hatte hier 
im Anfang einen unangenehmeren Eindruck auf mich gemacht als 
Fichtes Physiognomie, später versöhnte mich mit ihm einigermaßen sein 
philiströses, spießbürgerliches Wesen, aber da auch durch dieses seine % 
wässrige Arroganz hindurchsickert, so bleibt es heim alten, beim ersten 
Eindruck, Zucker habe ich ihn aber noch nicht kauen sehen. 
Da ich diesen Winter nur per accidens lese (obwohl ich sehr auf- 
merksame Zuhörer habe, unter andern Möller), so kann ich über mein 
Verhältnis zu den hiesigen Studenten noch nicht urteilen. Erst das z 
Sommersemester muß entscheiden, So viel weiß ich, daß meine für den 
Sommer angekündigten Vorlesungen (Leben Jesu und Kritik des vierten 
Evangeliums) unter den hiesigen Professoren schon einen heiligen 
Schrecken erregt haben, besonders die „Kritik“ ist ihnen skandalös, auch 
das habe ich gehört, daß viele Studenten sich gegen einige Männer hier 2: 
geäußert haben, bei mir als Hegelianer könnten sie als künftige Geist- 
liche nicht hören, sie wollen sich also a priori von mir abschließen, aber 
ich werde schon dreinschlagen und die kritische Lärmglocke so anziehen, 
laß man schon aus Schrecken herbeilaufen wird. 
Daß Du mir von Deinen logischen Lukubrationen manches mitteilst, zo 
darf ich mir das so erklären, daß Dich der ganz gute Köppen wegen 
Sophisterei anklagt? Ach, der gute, der ganz gute Köppen, macht er mit 
seiner Broschüre Ernst? Wie notwendig wäre die jetzt! Sehe ich nach 
meinen Erfahrungen in Berlin die hiesige Universität, besonders die 
‘heologische Fakultät und dann die jämmerlichen Doktorpromotionen 3 
in Berlin, so scheint Preußen dazu bestimmt, immer nur durch eine 
Jenaer Schlacht vorwärts kommen zu können. Eine solche muß trotz der 
Friedenshaube in Berlin bald wieder eintreten, sie braucht nicht auf 
einem Lechfelde geliefert zu werden, es gibt auch andre Felder. 
Was Du von den logischen Energien des Gegenübertretens etc. sagst, SO 40 
scheint mir, daß sie Hegel doch ganz bestimmt an ihrer Stelle im Abschnitt 
von der Methode entwickelt habe, im Wesen haben sie die Form der Re- 
Aexion und sind als solche entwickelt, und vom Sein sagt Hegel irgendwo 
selbst, daß hier die Dialektik der Form und die Bewegung der Bestimmt- 
heit nur „durchwuchert“, also noch nicht für die Reflexion hervorgehoben «s 
werden kann, das ist eben nur erst möglich im Wesen, 
Mache doch nur (Dir ist zwar alle Erinnerung daran unangenehm, 
aber was hilfts), daß Du mit dem lumpigen Examen fertig wirst und Dich 
ganz ungehindert Deinen logischen Arbeiten hingeben kannst, besonders
	        
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