Bildende Kunst und Musik.
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zustellen. Um die außerordentliche Wendung zu ermöglichen,
bedurfte es nicht bloß des gleichzeitigen Aussterbens fast aller
Maltechnik, sondern auch einer gewissen Wendung der all—⸗
gemeinen Ästhetik. Es läßt sich verfolgen, wie in dieser mit
der zunehmenden Blüte der literarischen Entwicklung praktisch
wie theoretisch immer mehr ein Zug ins Ruhige, Einfache,
Große eintrat; wie dieser Zug als das eigentlich Charakte—
ristische des Kunstwerks aufgefaßt wurde: und wie diese Lehre
bei dem außerordentlichen Einflusse der Wissenschaft und der
Literatur auf die Zeitgenossen auch in die bildende Kunst immer
entschiedener überflutete. Konnte sie da aber in der Malerei
anders wirken als im Sinne einer Reduktion der verwirrenden,
noch nicht klar unter den Einheitspunkt des Lichts gestellten
Farbenelemente und im Sinne einer starken Betonung des
Umrisses?
Das aber war eben auch die Richtung des Einflusses der
antiken Plastik. Die Farbe nur Lokalfarbe, nur Gewand
gleichsam und Füllung des Umrisses: das Licht ausgeschlossen,
der Umriß Wesen und gleichsam Körper des Bildes: so läßt fich
darnach das technische Programm des Klassizismus zusammen—
assen.
Es war der vollendete Widerspruch zum eigentlichsten,
tiefsten Strom der malerischen Entwicklung. Denn diese ging,
wie wir wissen, auf Licht und Luft und Farbe — die Periode
des reinen Umrisses lag um ein Jahrtausend hinter ihr.
Würde nun, das war die Frage, bei aller möglichen
individuellen Größe einzelner Schöpfungen, entwicklungs⸗
geschichtlich aus dieser Grundlage eine freie Kunst von dauern—
der Bedeutung erwachsen können?
Die Antwort hätte bejahend lauten können, wenn der
Einfluß der historischen Überlieferung, der Literatur, der philo⸗
sophischen Asthetik auf die Entwicklung des künstlerischen Auges
von durchschlagender Bedeutung zu sein vermöchte. Allein
davon kann in Wahrheit niemals die Rede sein. Tatsächlich
geht vielmehr jeder wirkliche Fortschritt der Kunst hervor aus
einer dem Schaffen unmittelbar entspringenden, dem Werdenden