Die Erdteile und Länder in ihrer Eigentümlichkeit. 129
mäßigsten mit Regen versehen und daher ein Wald- und Ackerbauland ersten Ranges
Peschel sagt, seinem „schlechten“ Wetter dankt es seine hohe Kultur), mit Halbinseln
und Inseln aller Art, welche teilweise in die subtropische Zone reichen, auch im Norden
eine ganz andere wirischaftliche Entwickelung gestatten als die anderen nördlichen Erd—
mußte es in der Hand der arischen Stämme die Führung der Menschheit an
iich reißen.
Rord- und Südamerika sind zwei Weltteile für sich; gestreckter als Asien und
Afrika, kompakter als Europa, durch alle Zonen reichend, mit einem Drittel Gebirge,
zwei Dritteln tiefen Flachlandes, das durch große Ströme und Seen leicht zugänglich
ist, hat es in der Hand der Kulturmenschen die größte Zukunft. Das Mississippi—
becken hat vielleicht die Aussicht, das dichtbevölkertste, reichste einheitliche Gebiet der
Erde zu werden.
Australien ist der am längsten abseits gebliebene Erdteil; unaufgeschlossen, vielfach
Steppe oder Hochplateau, mit den polynesischen Inseln bis vor kurzem den Menschen,
Mitteln und Tieren der Kultur fast unzugänglich, hat es erst jetzt eine gewisse, allerdings
rasch wachsende Kultur erhalten. Aber die Lage und die Bodengestaltung bleiben er—
schwerend, freilich nicht so wie für die Gebiete der weiter nach Süden reichenden Rand—
völker, welche noch mehr als die nordischen durch Kälte, Kargheit der Natur, isoliertes
deben und Entfernung von den Mittelpunkten der höheren Kultur wohl immer auf
aiedriger Stufe der wirtschaftlichen Entwickelung verharren werden.
Wie die Erdteile im großen, so können wir die Länder im kleinen als Individuen
erfassen. Sind ihre Grenzen auch oft mehr durch historisches Schicksal bestimmt gewesen
uind immer wieder verrückt worden, im ganzen betraf das doch mehr die Gestaltung im
einzelnen, nicht die wichtigeren Züge. Die Inseln und Halbinseln sind am deutlichsten
Jeschlossene Einheilen. Äber auch auf die anderen Länder haben stets wieder die Gebirge,
die Seen und Flüsse, die Moräste und Wüsten, die Lage zum Meere grenzbildend eingewirkt
und so natürliche Einheiten des Gebietes geschaffen. Wie schon die ursprünglichsten
Wanderungen der Pflanzen, der Tiere und der Menschen durch diese natürlichen Grenz⸗
raktoren bestimmt und die Ausbildung eigentümlicher Arten — nach Moritz Wagners
Migrationstheorie — so erzielt oder begünstigt wurden, so waren auch später alle
Bewegungs- und Entwickelungsvorgänge des gesellschaftlichen Lebens von diesen grenz—
hildenden Ursachen beherrscht: sie haben die Lünder zu natürlich geschlossenen, einheit—
lichen Schauplätzen des wirtschaftlichen und politischen Lebens gemacht. Und die mehr
oder weniger vorhandene Einheitlichkeit des Schauplatzes, die Wirkung derselben Ursachen
durch Jahrhunderte und Jahrtaufende erzeugte bestimmte wirtschaftliche Zustände und
Kulturergebnisse. Die phönicische Kultur konnte nur in der Ecke des Mittelmeeres, die
igyptische nur am Nil, Deutschlands Ackerbauleben nur in der Mitte Europas, die
britische Welthandelsherrschaft nur an den englischen Küsten entstehen. Sagt doch selbst
der idealistische Ranke: die ägyptische Religion ist auf die Kultur des Nillandes, die
bersische auf den Anbau im Jran gegründet.
Alle folche natürliche Gebietsbildung ist aber stets nur so zu verstehen, daß die
Entwickelung der wirtschaftlichen oder sonstigen Kultur durch sie eine gewisse Richtung
erhält, daß gewiffe Hemmungen und Möglichkeiten dadurch gegeben sind. Wie fie
aberwunden oder benutzt werden, hängt von der Rasse, dem Stande der Moral und
der Technik, der sonstigen wirtschaftlichen, politischen und geistigen Erziehung und
Schulung der Menschen ab. Wie oft hat man z. B. die Wirkung der Natur auf die
Größe der Staaten überschätzend behauptet, die europäisch-afiatische Tiefebene erzeuge
direkt große, das westeuropäische Stufenland kleine Staaten. Wahr ist, daß die ver—
ichiedene Ratur Derartiges begünstigt hat, und wenn Rußland heute in Europa 5,4 (im
Janzen 22,4) Mill. qkm, Deutschland 0,540, Frankreich O,5328, Großbritannien 0,318,
die Schweiz 0,041, Dänemark 0,088 Mill. gkm im Zusammenhang besitzt, so ist das
mmer ein Beweis für diese Begünstigung. Aber auch das heutige Rußland hat Epochen
ahlreicher kleiner Staaten, und Westeuropa hat zu verschiedenen Zeiten ganz verschieden
große politisch-wirtschaftliche Körper gehabt.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl.