Ebensowenig tut es not, die Büchersche Theorie zu wider-
legen, die zuletzt J. Kulischer wieder vorgetragen hat), daß der
Tauschverkehr, der bis dahin nur eine untergeordnete Rolle
spielte, nun zur Grundlage der Wirtschaft geworden sei, u. zw.
nicht bloß der städtischen, sondern auch der Wirtschaft auf dem
Lande, „indem sowohl der Grundherr als auch der Bauer für den
Markt zu produzieren beginnen“.
Dies war lange vorher doch in ausgedehntem Maße schon
der Fall, wie aus den früheren Darlegungen*) deutlich hervorgeht.
Hier soll vielmehr die Frage behandelt werden, wie sich in
diesen Zeiten die Natural- und die Geldwirtschaft gestalteten und
wie beide sich zueinander verhalten haben. Es wird angesichts
der zahlreichen Quellenbelege aus der Karolingerzeit, die dagegen
sprechen, wohl kaum einen Wirtschaftshistoriker mehr geben,
der die alte Behauptung wiederholen würde, es habe bis ins
zo. Jahrhundert herab eine r eine Naturalwirtschaft geherrscht*).
Aber die Nachwirkung der alten theoretischen Konstruktionen
ist doch immer noch zu verspüren. Die meisten Forscher sprechen
von dieser Zeit als einer Periode überwiegender oder vorwaltender
Naturalwirtschaft, in welcher der Geldgebrauch — bis dahin so
gut wie nicht vorhanden — sich allmählich eingebürgert hat‘).
Ich glaube, daß man künftig davon wird absehen müssen, den
Charakter der Wirtschaft in dieser Periode von drei Jahrhunderten
einheitlich zu bezeichnen. Das, was schon in der fränkischen Zeit
deutlich zutage tritt, ist hier in noch viel stärkerem Maße zu
konstatieren: Die Agrarwirtschaft des platten Landes zeigt eine
andere Struktur als die Wirtschaft in den Städten und Märkten.
Deshalb möchte ich auch nicht mit J. Kulischer die Wirtschaft
dieses ganzen Zeitraumes die Periode der Stadtwirtschaft nennen”).
Es sind weder die Städte jetzt erst als eine ökonomische Neu-
erscheinung aufgekommen, noch auch Handel und Gewerbe
überall in geradlinigem Aufstieg begriffen gewesen. Eben das
3) Allgemeine Wirtschaftsgeschichte des MA. u. der Neuzeit (1928), 1, 100.
» Vgl. oben S. 128 ff,
;) So doch noch K. Lamprecht, Deutsche Gesch. 12°, 9f.
‘\ So neben den älteren v. Inama-Sternegg u. K. Lamprecht, doch auch
die Handbücher der Wirtschaftsgesch. von R. Kötzschke und Kulischer, C. Brink-
mann und Th. Mayer (1928) noch!
7) Allgem. Wirtsch. Gesch. ı, 97.