Das Streben,
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sondere Zustände bezeichnen. Ebenso aber, wie überhaupt der Sinn
der sogenannten „Hilfszeitworte“, d, h. jener Worte, die nur in der
„Form“ eines Zeitwortes auftreten, höchst unklar gewußt und lebhaft
umstritten ist — man denke nur an die Worte „dürfen“ und „sollen“ —,
ist auch der Sinn des Wortes „lassen“ von Nebeln umhüllt, so daß wir
dieses Wort in den verschiedensten Wortverbindungen finden. In
Worten wie „belassen“, „zulassen“, „durchlassen“ hat allerdings das Wort
„Lassen“ den von uns dargestellten Sinn. Wird z. B. gesagt, daß A
den B in seiner Stellung „beläßt“, so ist gemeint, daß dem A ein
„Wider-Streben“ zugehört, den B aus seiner Stellung zu beseitigen,
Nehmen wir ferner Worte wie „ablassen“, „nachlassen“, so ist gemeint,
daß jemand ein eigenes gegenwärtiges Tun „unterbricht“, also „aufhört“,
in besonderer Weise tätig zu sein. Allerdings werden diese Worte
nicht nur dann gebraucht, wenn jemand seinen Seelenaugenblick „Be-
gehren besonderen eigenen Tuns“ verliert und einen Seelenaugenblick
„Besorgen solchen Tuns“ gewinnt, sondern auch dann, wenn jemand
den Seelenaugenblick „Begehren solchen Tuns‘“ verliert und kein
„Besorgen solchen Tuns‘“, sondern anderes Seelisches gewinnt, z. B.
„erschrickt‘“ und ‚automatisch‘ aufhört. Die Rede „seinen Arm fallen
lassen“ wird z. B. auch oft mit der Rede „seinen Arm senken“
vertauscht, obwohl nur im ersteren Falle ein „ablassen“, hingegen
im letzteren Falle ein besonderes „Tun“ vorliegt. Die Worte „ab-
lassen“ und ‚„nachlassen‘ haben aber überhaupt einen etwas anderen
Sinn als die Worte „belassen‘‘, ‚zulassen‘ und ‚„durchlassen‘, da der
Sinn der ersteren Worte auf „Muskelzustand‘‘ (‚Ruhe‘), der Sinn der
letzteren Worte aber auf „Muskelveränderung‘‘ („Bewegung“‘), nämlich
auf „Übergang von gespannten Muskeln zu entspannten Mus-
kein“ gestellt ist, so daß der „A blassende“ und ‚Nachlassende‘“
eigentlich erst im letzten Augenblicke jener Veränderung im Zu-
Stande des ‚„„Lassens‘‘ anlangt. Nehmen wir aber ferner Worte wie
„Verlassen“ und „Zurücklassen‘‘, so ist nichts anderes gemeint als ein
„Leisten“, mit welchem darauf gezielt wird, einen mit eigener Unlust
verbundenen eigenen Leibeszustand (Ortszustand) zu entwirklichen
und einen mit eigener Lust verbundenen eigenen Leibeszustand zu ver-
Wirklichen, Worte ferner, wie „entlassen“, „erlassen‘“ haben den Sinn
„Entwirklichen irgendeines Zustandes‘ und das Wort ‚,Veranlassen‘‘
hat geradezu den Sinn, „wirkende Bedingung für Etwas‘ sein. Das
Wort „Lassen“ hat eben in gewissen Wortverbindungen über seinen
eigentlichen Sinn hinaus den Sinn „Entwirklichen eines Zustandes‘“ und
Sogar den Sinn „verwirklichen“ angenommen, in ähnlicher Weise, wie
insbesondere auch das sogenannte „Hilfszeitwort‘ „Sollen“ schließlich
Sanz unvereinbare Bedeutungen an sich gezogen hat, weil seine eigent-
liche Bedeutung sehr unklar gewußt war.