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Dichtung.
eine längere Vergangenheit besitzt, brachten es mit sich, daß das
neue Drama viel eher bei halb traditionslosen Völkern er—
blühte als bei den Völkern einer großen litterarischen Über—
lieferung, bei Italienern und Spaniern etwa oder bei Fran—
zosen, Engländern und Deutschen. Die dramatisch halb
traditionslosen Vöolker aber waren die Nationen des äußersten
europäischen Nordens und Ostens: die Kolonialvölker gleichsam
des alten centraleuropäischen Bildungsbereichs, die hier die
Gunst aller Kolonien genossen, neue Errungenschaften höchster
Bildung auf jungfräulichem Boden besonders leicht und klar
entwickeln zu können: die Skandinavier und Russen. Bei
ihnen sind darum die Anfänge des impressionistischen Dramas
— wie überhaupt der modernen Dichtung: es ist davon schon
die Rede gewesen — am frühesten und ungehindertsten empor—
geblüht. Von diesem Drama aber hat nun in Deutschland,
bei aller Bedeutung der Russen Dostojewski und Tolstoj, doch
wieder das nordgermanische, stammverwandte am meisten ein—
gewirkt und innerhalb seines Bereiches wiederum das nor—
wegische. Der wichtigste Schöpfer aber des modernen nor—
wegischen Dramas war Ibsen.
Ibsen (geb. 1828) zeichnete sich schon in seinen Dramen
der fünfziger und sechziger Jahre, die der künstlerischen Form
nach im wesentlichen noch dem damals blühenden Historismus
angehören, durch die Entwicklung einer besonderen Welt sittlicher
Ideen aus. Es ist eine Periode, die mit „Kaiser und Galiläer“
(1878) abschloß. Inzwischen aber hatte er, etwa seit 1864,
seit er im Auslande weilte, das früher schon gestreifte reine
Sitten- und Gesellschaftsdrama wieder aufgenommen, indem er
gegenüber den Konvenienzen und Lügen der bestehenden Ge—
sellschaft immer stärker die Notwendigkeit absoluter Wahr—
haftigkeit und im Zusammenhang damit das Recht einer
höheren Freiheit, sowie die Pflicht zur Einhaltung eines feineren
Sittengesetzes für das Individuum betonte. Und im Verfolg
dieser Tendenzen modelte er dann zugleich, von einem un—
bestechlichen Wahrheitssinn auch in der Formgebung weiter—
getrieben, die Technik des herkömmlichen Dramas so lange um,