316
Dichtung.
Im ganzen aber wird sich doch sagen lassen, daß alle diese
Versuche, soweit sie die Form weiterbildeten, zwischen zwei Exr⸗—
tremen verliefen, dem einen, das die Zukunft des Dramas durch
stärkste Anhäufung von Handlungsmomenten beschwören wollte,
und dem anderen, das vielmehr auf eine Zustandsschilderung
nach Art des „Sekundenstils“ der Kunsterzählung ausging:
so daß man hier unschwer dieselben Gegensätze wiedererkennt,
die sich schon in der Lyrik zwischen rhythmischer Kürze und
breitem Hinlagern der Gefühle nachweisen ließen, und die sich
zuerst auf dem Gebiete der bildenden Künste in dem Kontrast
zwischen ornamentierter und verblasener Freiluftmalerei aufthaten.
Und wenn sich dabei noch weiter herausstellt, daß bereits dieser
erste große Gegensatz in der Entwicklung des modernen Dramas
sich nicht mehr auf naturalistischem, sondern schon idealistischem
Gebiete abspielt — denn alle herangezogenen Vergleichs-
momente, rhythmische Kürze und Ornamentik wie stimmungs—
volle Breite und Symphonien verblasener Farben haben das
gemein, daß sie den Impressionismus schon idealisieren —, so
eröffnet das besondere Aussichten auf das Wesen des modernen
Dramas, ja vielleicht des Dramas überhaupt, die später noch
genauer zu verfolgen sein werden!.
Als Dichter eines möglichst starken Handlungsstils trat iu
der Zeit der Anfänge wohl Bleibtreu am meisten hervor.
Bleibtreu suchte als dramatische Unterlage gern ausgedehnte
geschichtliche Entwicklungsreihen auf, und diese schob er dann
so wuchtig in den Vordergrund, daß die Personen fast ver—
schwanden, sie wären denn ausnahmsweise die verkörperten
Träger des furchtbar und im Grunde unpersönlich dahin—
schreitenden Schicksals. Waren nun aber die Personen Bleib—
treus im allgemeinen Schemen, so genügte es, sie mit
den Mitteln einer primitiven Kunst zum Handeln zu bringen.
Und daran hat sich denn der Dichter in der That zumeist
genügen lassen. Natürlich geriet er damit sozusagen aufs
Drnamentale und ins Kunsthandwerkk: und darum hat
S. unten Abschnitt 6 S. 363 ff.