Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

2sꝛ 
Dichtung. 
voraussetzen. Denn der gradmäßige Unterschied der neuen 
Dichtung von der alten Romantik ist augenscheinlich; und gut 
hat ihn Richard Perls hervorgehoben: 
Ich bette dich in traumestiefe Ruh, 
Geh ein, mein Freund, zum alten Heiligtume, 
Dort flüstert und dort raunet man dir zu 
Ein neues Wissen um die blaue Blume. 
Ein neues Wissen! Gewiß finden sich in der Dichtung 
der Romantik Vorboten des modernen Symbolismus, so wie 
fich in den Dichtungen der Empfindsamkeit Vorzeichen der 
Romantik nachweisen lassen. Aber sind deshalb je zwei dieser 
Perioden und damit wohl gar sie alle drei ihrer innersten 
Seele nach identisch? Es wird eine der lohnendsten Aufgaben 
einer Kultur- und insbesondere Litteraturgeschichte des subjekti— 
vistischen Zeitalters sein, die Unterschiede in der seelischen Basis 
der empfindsamen, der romantischen und der modernen Dichtung 
einmal ganz genau zu bestimmen. Daß diese Dichtungen aber 
überhaupt verschieden sind, das kann selbst dem oberflächlichen 
Kenner der litterarischen Denkmäler der drei Perioden nicht 
zweifelhaft bleiben. 
Aber wenigstens von den französischen Naturalisten und 
Idealisten des psychologischen Impressionismus, den Baudelaire, 
Verlaine, Mallarms sollen unsere Dichter ausgegangen sein! 
Gewiß liegt da die Entwicklung der analogen französischen Dich— 
tung früher als die der deutschen; Baudelaire starb 1867, und die 
„Fleurs du Mal“ erschienen 1837. Die deutsche Entwicklung 
aber nur als eine Kopie der französischen anzusehen würde nichts 
anderes heißen, als etwa beispielsweise meinen, die deutsche 
Empfindsamkeit von 1750 sei durch die Einfuhr und Lektüre von 
Yoricks Sentimentaler Reise veranlaßt worden. Gewiß haben 
unsere deutschen Dichter in der Form von den Franzosen ge— 
lernt, denn diese waren geschichtlich früher am Platze; die Be— 
hauptung aber, daß sie ihnen in bloßer Nachahmung gefolgt 
seien, sollte schon durch die Thatsache ausgeschlossen sein, daß 
wesentliche Züge der entsprechenden französischen Poesie bei 
hnen fehlen. Und zwar gerade die hervorragend französischen:
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.