Full text : Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung.

die Zeichnung der Vorgänge ins Ungewisse, wie in den Malereien
eines Puvis de Chavannes: das Gerippe des Geschehnisses
wird nicht mehr sichtbar, auch wenn es grundsätzlich genau ge—
zeichnet ist, die Konstruktion bleibt verdeckt wie in den Bildern
Stucks, nur der Duft, der Hauch, der Geruch der Ereignisse
wird gesammelt. Da wird die Sprache in eine sinnliche,
nervenfällige, Reizvorgänge untersten Grades erregende, kurz
musikalische Haltung gezogen .....:

Die Seele weint in ängstlichen Gefühlen:
Ich kann die Worte nicht zu Klängen finden,
Kann die Gedanken nicht zu Kränzen winden,
Um roter Wunde heißen Brand zu kühlen —

so klagt der Dichter (Richard Perls), dem die Muse der neuen
Dichtung den Kuß versagt. Wenn aber diese Muse den
Dichter erhört, dann entstehen musikalische Wortdichtungen von
unerhört sonorem Klange:
Hinaus zum Strom! Wo stolz die hohen Rohre
Im linden Winde ihre Fahnen schwingen
Und wehren junger Wellen Schmeichelchore
Zum Ufermoose kosend vorzudringen.

(Stephan George.)

Und nicht die Sprache allein thut es. Auch der Gedanke
wird in den Strudel der Stimmung gezogen — am häufigsten
durch überaus feine, ja raffinierte Anwendung stark duftender,
narkotisch wirkender Gleichnisse, Symbole, Allegorien, Embleme.
So wird z. B. für Hofmannsthal die Sprache der Dichtung
geradezu zur Sprache des Bildes, der Metapher. Und damit
wird denn die Sprache auch als Ausdruck des Gedankens eine
andere. Sie hat hier nicht mehr die Aufgabe, mit „Näherungs⸗
werten dem gemeinen Tagesverkehr und seinem derben Bedarf“
zu genügen. Sie muß vielmehr eine neue syntaktische Kunst
entfalten, sie muß die weitesten Schreine ihres Wortschatzes
durchwühlen lassen und mit neuen Kostbarkeiten aufwarten, sie
muß ungeahnte Kombinationen ihrer Mittel anwenden, um
der unerhörten Intensität der Stimmungen gerecht zu werden.
Denn glühendste Farben und tiefste Klänge, intimste Töne
            
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