352 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
auch noch von aller Welt die geliehenen Summen gekündigt
wurden und natürlich durch neue Schuldkapitalien zu ersetzen
waren: und so schien man denn beim Bankrott angelangt —
wenn man nicht die Einnahmen erhöhte und zu dem Zwecke
die Stände in Anspruch nahm.
Aber gerade die Stände der einzelnen Länder, aus denen
sich die Mark zusammensetzte, hatten sich schon als ein wesent—
liches Hindernis jedes Aufschwungs erwiesen. Im 16. Jahr⸗
hundert hatten sie, im schlechten Sinne des Wortes, ihre
Blütezeit gehabt. Doch nahmen sie ihre bösen Sitten und ihr
geringes Interesse am Wohl des Ganzen auch noch mit ins
17. Jahrhundert hinüber. Von den uckermärkischen Junkern,
die im Jahre 1610 zu einem Kreistag nach Prenzlau berufen
worden waren, wird erzählt, daß sie sich nur über Hunde und
Jagd unterhielten und es als genügend für ihren Respekt
gegenüber dem Kurfürsten erachteten, wenn sie, unter voller
Ignorierung seiner Vorlagen, nur die Vertreter für den
Berliner Landtag wählten. Diese Vertreter aber gingen dann
nicht zum Landtag: sie behaupteten, das Leben in Berlin sei
zu teuer. Gleichwohl befanden sie sich während der Tagung
in Berlin und strichen am offnen Tage um das Rathaus, ohne
an den Beratungen teilzunehmen.
Der Grund für ein solches Verhalten der Stände lag
neben dem wilden Selbstherrlichkeitsgefuühl der Junker vor
allem in dem geringen Interesse am Ganzen des Landes, wie
es besonders Folge des Verkehrsverfalls war, der die einzelnen
Landbewohner immer mehr isolierte, sowie in einer gewissen
Abneigung gegen den Prunk des Hofes. So wurde dem
Kurfürsten Johann Sigismund auf seine Steuerforderungen
gesagt: die Hauptsache sei, das Wirtschaftsleben des Landes
zu heben, wie dessen Fundament in einer guten Viehzucht ge—
legen sei: darum solle der Kurfürst seine Wildbahnen zugunsten
der Anlegung von Schäfereien und Vorwerken auflassen, auch
sonst die Wirtschaft auf seinen Domänen bessern und die
Amter nach Vorgang anderer Regierungen verpachten, vor
allem aber selber weniger ausgeben: dann werde man auch
ohne neue Steuern auskommen.