Die Spätromantik.
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der Dissertation verband. Das spiegelt sich denn auch in der
Komposition wider: sie ist zu gedrungen, sie erscheint ge⸗
zwungen, gemacht. Denn wie sollte es schließlich möglich sein,
nicht etwa noch anschauliche Ideen, nein ganze abstrakte Be—
griffssystenme und Ideenkreise zu malen? Cornelius' Kunst
scheiterte an der gerade in seinem Kopfe bis zu durchsichtigster
Energie und Wirkungsfähigkeit entwickelten Auffassung, die
Kunst sei eine Magd der Vorstellung, das Anschauliche ein
Diener des Gedankens: die tiefste Antinomie der kunstgeschicht⸗
lichen Entwicklung des Zeitalters trat eben bei dieser höchsten
und klarsten künstlerischen Kraft auch am deutlichsten zutage.
Und wenigstens die jüngeren Zeitgenossen des Meisters
vermißten bereits durchweg auch etwas anderes: die Farbe.
Schon König Ludwig hatte vor dem Jüngsten Gericht das
verhängnisvolle Wort ausgesprochen: „Er kann nicht malen.“
Und tausendmal ist es seitdem variiert worden. Feuerbach
aber hat es noch mit einer anderen berechtigten Beobachtung
verbunden!: „Ist das Cornelius, der große Cornelius? Bei
näherer Betrachtung wird es immer schlimmer; man entdeckt
immer mehr mangelhafte Stellen der Zeichnung, grobe Zeich—
nungsfehler — von Kolorit keine Spur.“
Doch man werte Cornelius vor allem von seinem Stand⸗
punkte aus! Da bleibt seine Malerei trotz allem groß; es
sind gewaltige Schöpfungen einer monumentalen Kunst des
Umrisses: und alles ist auf dessen Rhythmus gestellt. Farbe
vertrug diese Kunst eigentlich überhaupt nicht, denn farblos
war sie empfunden. Fand eine nachträgliche Auffüllung mit
ihr statt, so hatte diese nur einen wesentlich symbolischen Wert.
Erhob man gleichwohl die Forderung nach Farbe und wurde
die Farbe dann naturgemäß realistisch angewandt, so ergab
sich bald, daß damit der Rahmen dieser Kunst gesprengt wurde.
Es war gewiß auch ein Weg zum Realismus. Aber konnte
auf ihm Großes erreicht werden?
Diesen Weg ist Wilhelm Kaulbach (1905—74) gegangen.
Vermächtniss, 30 -31. (0. 1848).