Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 235
tiger war, daß es praktisch betätigt wurde. Und in dieser
Hinsicht spielte nun in sehr eigenartiger Weise, während bisher
die Antike geholfen hatte, die französische Dichtung in die
weitere Entwicklung hinein: jene Dichtung, die mit ihrem
Prinzipe der Silbenzählung eigentlich, wie man meinen sollte,
den Verfall der deutschen Metrik noch hätte beschleunigen sollen.
Gleichzeitig nämlich mit der Rhythmik war auch der deutsche
Vers- und Strophenbau verkümmert; und schließlich wurde
fast jeder dichterische Inhalt in die eine, an sich auch wieder
im Verfall begriffene Form kurzer, viermal gehobener Verse
bon jambischem Rhythmus, die sog. kurzen Reimpaare oder
Knittelverse gegossen. Nun hatte man allerdings dieser Armut,
die sich schon früh ankündigte, aufzuhelfen gesucht; man hatte
antike Strophen, so namentlich die sapphische, man hatte auch
sambische und trochäische Zeilen von verschiedener Länge nach—
gebildet. Allein es fehlte ihnen das Moment des Volkstüm—
lichen: sie drangen nicht durch. Und hier setzte nun zur weiteren
Förderung der Frage ein sehr merkwürdiger französischer Im—
port ein. In den Jahren 1572 und 1573 erschienen fast
gleichzeitig zwei Übersetzungen der Psalmengesänge des un—
zlücklichen Calvinisten Marot, die eine von dem neulateinischen
Dichter Paul Schede (Melissus) zu Heidelberg, die andere von
Lobwasser zu Königsberg: von zwei ganz verschiedenen Seiten
her drang damit französische Dichtung in den weiten Kreis der
deutschen Reformierten und erhielt hier der Hauptsache nach
eine Stellung im Sinne des Kirchenliedes bei den Lutherischen.
Die Popularität einer fremden dichterischen Leistung von großem
Umfang war also gegeben. Und mit ihr zugleich auch das
Eindringen französischen Verss und Strophenbaus. Denn um
die Melodien beibehalten zu können, hatte Melissus seine Über—
setzung „nach französischer melodeyen unt sylben art“ gemacht
und Lobwasser das Original „nach Art seiner Reime“ ins
Deutsche „gezwungen“. Damit traten nun eine ganze Menge
sranzösischer Versarten breit in den deutschen Horizont. Und
indem sie trotz ihrer ausschließlichen Silbenzählung unter Bei⸗—
hehaltung der Silbenzahl mit deutschen Wortakzenten versehen