Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

234 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
vollen Abschlusse gediehenen, doch aber schon weit vorgeschrittenen 
Vorgange gebrochen wurde. 
Nun hat schon eine ganze Anzahl sprachlich fein empfinden— 
der Männer des 16. Jahrhunderts das Verzweifelte diefer Ent⸗ 
wicklung geahnt, ja teilweis klar überschaut; und auch die Mittel 
zur Abhilfe sind, anfangs weniger sicher, schließlich bestimmt ge⸗ 
funden worden. Aber das geschah freilich nicht unmittelbar 
aus dem Genius der Muttersprache heraus, sondern bei der 
Bedeutung humanistisch-lateinischer Dichtung in dieser Zeit, zu⸗ 
nächst im Zusammenhang mit den Versuchen, diese Dichtung 
im Deutschen nachzuahmen: also in der Richtung hin auf eine 
deutsche Poesie der Renaissance. 
Da hatte man nun bereits im 14. und 15. Jahrhundert 
deutsche Gedichte unter Nichtbeachtung des Wortakzentes nach 
antiker Quantitätsmessung gemacht, und darin war im 16. Jahr⸗ 
hundert fortgefahren worden: selbstverständlich ohne dauernde 
Wirkung. Aber daneben hatte man auch schon begonnen, 
namentlich die einfacheren trochäischen und jambischen Vers— 
maße der Alten so nachzuahmen, daß man an Stelle der Wörter 
der Alten mit entsprechender Quantität deutsche Wörter mit 
entsprechendem Tonfall setzte: namentlich der Lutherschüler und 
Dramatiker Paul Rebhuhn hat seit den dreißiger Jahren des 
16. Jahrhunderts so gedichtet, und nicht ohne über die Gründe 
eines solchen Gebrauchs systematisch nachzudenken: der Rythmus 
müsse durch den Akzent, nicht den Silbenwechsel bestimmt sein. 
Von hier aus bedurfte es nun nur noch eines Schrittes, um 
zu dem Prinzip der schönen mittelalterlichen Zeit zurückzukehren: 
war auf diese Weise der Akzent der antiken Metrik der Hebung, 
dem Worttakte des deutschen Brauches gleichgestellt, so mußte 
noch die Silbenzahl der nach jedem Takte stehenden Senkung 
gleichmäßig geregelt werden. Es war eine Forderung, die von 
dem musikalisch feingebildeten Johannes Clajus in seiner 
deutschen Grammatik (1578) zum ersten Male deutlich aus— 
gesprochen wurde. 
Allein Clajus hatte einstweilen keinen Erfolg. Denn es 
kam nicht bloß darauf an, das Prinzip aufzustellen, viel wich—
	        
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