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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule
So lange die Kultur den zerstörenden Einfällen der Bar
baren ausgesetzt war, blieb der Krieg eine Notwendigkeit für
die Völker. Mit der Erfindung der Feuerwaffen ging die Über
legenheit, welche den Barbaren ihre physische Kraft und ihr
Kampfesmut gaben, auf die zivilisierten Völker über. Diese
langumstrittene Überlegenheit wurde in dem Maße gesichert
und gefestigt, als die Kriegskunst mehr Wissen, mehr Kapital,
mehr Intelligenz und mehr sittliche Kraft erforderte. Die bar
barischen Einfälle hörten nunmehr auf, weil sie nicht mehr
produktiv waren. Die zivilisierten Völker, welche bis dahin in
ihren Gebieten auf der Defensive geblieben waren, strömten nach
und nach auf die Territorien der Barbaren über und began
nen sie zu erobern. In dem Augenblick, in welchem wir
leben, nähert sich diese Eroberung der Vollendung. Die unserer
Kultur angehörigen Völker beherrschen Europa, Amerika,
Ozeanien, haben die Vorherrschaft in Asien und beginnen Afrika
unter sich zu teilen. Sie haben nicht mehr zu fürchten, wie
früher, von den Barbaren unterjocht und enteignet zu werden;
vielmehr unterjochen und enteignen sie diese. Der indirekte
Nutzen, den sie aus dem Kriege zogen, indem er sie stählte
zum Kampfe gegen barbarische Invasionen, fällt somit heute
weg. Die zur Selbsterhaltung nötige Kraftanspannung wird
heute durch die wirtschaftliche Konkurrenz bewirkt. Diese hat
aber auch den direkten Nutzen der kriegerischen Konkurrenz
ausgeschaltet.
Die wirtschaftliche Konkurrenz („Concurrence industrielle“)
ist unvergleichlich weniger kostspielig als der Krieg *). Bei
letzterem wird der Überwundene ganz oder teilweise vernichtet.
Ein großer Verlust von Kraft bleibt hierbei unvermeidlich, und
das ist ein Schaden für die Gesamtheit der menschlichen Gattung.
Mit dem wirtschaftlichen Wettbewerb verbindet sich dagegen
nicht notwendig ein Verlust von Kräften. Würden alle Kon
kurrenten eine gleiche Geschicklichkeit und Tätigkeit entwickeln,
dann könnten auch alle den gleichen Vorteil erlangen. Ent
falten sie aber eine ungleiche Geschicklichkeit und Tätigkeit,
so wird eine Verschiedenheit des Gewinnes die Folge sein. Aller
dings, wenn die Konkurrenz in vollstem Maße ihren heilsamen
') ibid. p. 23 ff.