fullscreen: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

114 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. 
schaft, 1860 ff.) von dem Verhältnis der Gefellschaft zum Staate, von der Verschiedenheit 
dieses Verhältnisses zur Zeit des Geschlechterstaates, des Ständestaates und des modernen 
staatsbürgerlichen Staates aus; er sieht sein Ideal in einem socialen Königtum, das 
seine Macht für Hebung der unteren Klassen einsetzt. Er begreift früher und viel richtiger 
als die socialistischen Materialisten den Zusammenhang von Recht, Verfassung und Ver— 
waltung mit den gefellschaftlichen und wirtschaftlichen Zuständen. Er ist mehr Staats— 
gelehrter als Nationalökonom, hat auch auf Lassalle, Gneist, Treitschke mehr Einfluß 
geübt als auf die späteren deutschen Nationalbkonomen. Sein encyklopädisches Wissen 
reicht oft nicht aus für die Groͤße seiner Aufgaben, seine Systematik und Geschichts— 
einteilung schwebt vielsach mit geistreichen und halbwahren Konstruktionen in der Luft, 
aber sein großartiger, historischer Blick sieht meist in die Tiefe der Dinge. 
Waren so in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mancherlei theoretisch-staats— 
wissenschaftliche und allgemeine Strbömungen — neben dem Socialismus — vorhanden, 
welche die Smithsche Nationalökonomie zumal in Deutschland nach und nach überwanden, 
so war doch das Wichtigste, um ihre epigonenhafte Ausspinnung zu immer inhalts— 
loseren, abstrakteren Betrachtungen zu bekämpfen, eine energische Ersafsung der empirischen 
Wirklichkeit. Es mußte eine vollkommenere Analyse der volkswirtschaftlichen Verhältnisse 
in quantitativer und qualitativer Richtung eintreten. Das erstere geschah durch die 
Statistik, das letztere durch die rechts- und wirtschaftshiftorische und sonstige realistische 
volkswirtschaftliche Forschung. J 
48. Die Statistik ist durch die Gründung der staatlichen statistischen Ämter 
1806 -1875 sowie der städtischen von 1860 an, durch die regelmäßige Publikation 
ihrer Ergebnifse, durch die Ausbildung einer besonderen Zählungs-, Erhebungs— und 
Bearbeitungstechnik etwas ganz anderes als im vorigen Jahrhundert geworden. Aus 
einer beschreibenden Staatenkunde, die einige notdürftige Rotizen der heimlichen, 
bureaukratischen Erhebungen der Verwaltungs- und Finanzbehörden mit Ergebnissen 
der Kirchenbücher und privaten Schätzungen verband, ist ein großartiger, in der Haupt⸗ 
sache staatlich geordneter Apparat der Massenbeobachtung entstanden; er breitet mit immer 
größerer Anforderung an die Sicherheit der Erhebungen ein Netz von Observatorien 
über große Gruppen von Individuen aus, um methodisch nicht bloß die für die Ver— 
waltung, sondern mehr und mehr auch die für die wissenschaftliche Erfassung des gesell⸗ 
schaftlichen Lebens wichtigeren gleichartigen Erscheinungen zu beobachten und zu 
registrieren. Es werden dabei gewisse Gruppen von Menschen, von Handlungen, von 
wirtschaftlichen Gütern, Kapitalien, Grundstücken ins Auge gefaßt, und die in der Gruppe 
enthaltenen Einzelfälle nach bestimmten natürlichen und rechtlichen Eigenschaften gezählt. 
Es handelt sich um die Einführung der Meßkunst in das Gebiet der Slaats- und Social- 
wissenschaft. Auf Grund genereller, begrifflicher Klassifikationen wird innerhalb der Klasse 
nach gewissen Merkmalen das Gleichartige oder Ungleichartige größenmäßig festgestellt. 
Es werden diese Größenfeststellungen periodisch wiederholt. Aus der Vergleichung der 
Zählungen, welche zu verschiedener Zeit auf denselben Gegenstand gerichtet sind oder mit 
derselben Fragestellung in verschiedenen Ländern die analogen Gruppen fassen, ergeben sich 
Regelmäßigkeiten, Abweichungen und Veränderungen, die zunächst an sich ein Interesse 
haben, Fortschritt oder Rückschritt andeuten, dann auf gewisse, bisher unbekannte Ursachen 
hinweisen, bekannte Ursachen in ihrer Wirkungsweise zu kontrollieren gestatten. 
So glänzend die Fortschritte der Statistik, so groß die Anforderungen der heutigen 
Statistik an die Thätigkeit der Behörden sind, so verfeinert und kompliziert die Methoden 
der Fragestellung und Sammlung der Antworten z. B. in Bezug auf Sterblichkeits⸗, 
Krankheits-, Handelsstatistik geworden ꝛtc., so ist doch klar, daß es sich bei aller Statistik um 
die Messung von Größenverhältnissen der Bevölkerung, der Produktion, des Verkehrs 
handelt, die über die Natur dieser Dinge sonst nichts aussagt; diese Natur muß möglichst 
vorher bei der Fragestellung bekannt, muß durch anderweite Mittel wissenschaftlicher 
Untersuchung feftgestellt sein oder werden. Vor allem auch die gesamten Ursachen werden 
aicht durch die Statistik aufgedeckt, sondern nur in ihrer Wirkung gemessen und 
fontrolliert; die Statistik weist an beftimmter Stelle auf mögliche Ursachen hin, sie
	        
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