Viertes Kapitel.
Erste Waffengänge österreichs und Preußens
Preußen europäische Großmacht.
Die deutsche politische Geschichte der Jahre etwa 1720
bis 1740 gehört insofern mit zu den verworrensten Zeiten der
deutschen Entwicklung, als sie im Grunde anfängt, schon durch
den zunehmenden, aber doch noch verborgenen Gegensatz zwischen
sterreich und Preußen bestimmt zu werden, und als dieser
Gegensatz sich nicht auf einem beiden Gegnern gemeinsamen
Schauplatze zu enthüllen beginnt, sondern vielmehr in weit
voneinander abgelegenen Bereichen der beiderseitigen Politik.
Denn für Osterreich ist die innere politische Entwicklung dieser
Zeit wie sein Verhältnis zum Reiche wesentlich durch die Sorge
um eine angemessene Regelung der zweifelhaften Erbfolge in
seinen Ländern bestimmt; Preußen dagegen konzentriert in der—⸗
felben Zeit all seine Aufmerksamkeit auf die auf dem Wege
einer zweifelhaften Erbfolge durchzusetzende Erwerbung von
Jülich-Berg. Wie hätten da nun die beiden Mächte mit gerader
Front aufeinanderstoßen sollen? Erst Friedrich der Große hat
durch sein kühnes Vorgehen in Schlesien alsbald diese gemein—
same Front hergestellt und damit die folgenreichste Wendung der
äußeren Geschicke der Nation im 18. Jahrhundert herbeigeführt.
In Osterreich hatte der gesamtstaatliche Gedanke, ein Er—
zeugnis vor allem des Aufrückens zu einer europäischen Groß—
macht, um 1700 in dem Herrscherhause doch schon so weit Fuß
gefaßt, daß man überzeugt war, man müsse wenn nicht allen