Metadata: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Schlußwort. 
Erfordert eine Geschichte der wirtschaftlichen Doktrinen wirklich 
ein Schlußwort? 
Die Geschichte aller Wissenschaft hört nur mit ihrem endgültigen 
Abschluß auf. Die am weitesten fortgeschrittenen Wissenschaften nun, 
die Physik, die Chemie und sogar die Mathematik, verändern sich täglich, 
schreiten vorwärts, geben in ihrem Fortschritt früher nützliche, heute 
aber veraltete Auffassungen preis und ersetzen sie durch Auffassungen, 
die, wenn auch nicht immer vollständig neu, doch zum wenigsten ver 
ständlicher und fruchtbarer sind. Jedoch noch mehr, wir sehen, wie sich 
nicht nur die Einzelwissenschaften unter unseren Augen umformen, son 
dern wie sich auch der Begriff der Gesämtwissenschaft ändert. Mit dem 
Fortschritt der Wissenschaften wandelt sich auch die Auffassung, die 
wir uns von der Wissenschaft machen. Heute wie früher sucht der Ge 
lehrte die Wahrheit. Der Begriff aber der wissenschaftlichen Wahrheit ist 
am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr mit dem identisch, der am 
Anfang des 19. herrschte, und alles weist darauf hin, daß ihm noch weitere 
Veränderungen bevorstehen. Um so weniger kann auch die National 
ökonomie, diese so junge Wissenschaft, die noch kaum über die ersten 
tastenden Versuche hinaus ist, von heute an unveränderlich bleiben. 
Der Geschichtsschreiber der Doktrinen kann sich nur die Aufgabe stellen, 
den durchlaufenen Weg zu messen, ohne daran denken zu dürfen, die 
Straße, die noch vor uns liegt, erraten zu wollen. Sein Ehrgeiz muß sich 
darauf beschränken, die zunächst liegenden Aufgaben zu würdigen, die 
nach all den so verschiedenartigen Anstrengungen, die wir in den vorher 
gehenden Kapiteln beschrieben haben, sich den Forschern aufdrängen. 
Möge man uns, um den Eindruck zu verbildlichen, der sich aus einer 
Geschichte der wirtschaftlichen Ideen dieser anderthalb Jahrhunderte 
ergibt, einen Vergleich gestatten. Wenn man das Gesamtwerk betrachtet, 
so steht man wie vor einem offenen Fächer. Am Griff liegen seine Rippen 
so fest übereinander, daß sie ein Ganzes scheinen. Je mehr sich das Auge 
dem äußeren Rande näher, sieht es, wie die Strahlen sich nach und nach 
voneinander entfernen, als wenn sie ins Unendliche divergierende Rieh-
	        
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