fullscreen : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

124  Zweiter  Teil.  Landet.  VI.  Landlungsgehilfe  und  Landlungslehrling.
dein  Bemühen  muß  ihre  Zahl  sich  mehren.  Du  sollst  nicht  murren,  wenn  Menschen
deine  Geduld  prüfen,  deren  Gunst  der  Landlung  nützen  könnte.  Ohne  Leuchelei  sollst
du  höflich  und  bescheiden,  zuvorkommend  und  willig  gegen  jedermann  sein.  Laß  dich
in  allem  vom  Gesetz  der  strengsten  Gewissenhaftigkeit  leiten,  und  meide  auch  den  Schein
des  Anrechts;  darum  verhehle  nicht,  was  du  Anrechtes  siehest,  und  füge  dich  gem  in
die  verständige  Anordnung,  während  deiner  Lehrjahre  kein  Geld  in  der  Tasche  zu
tragen.  Auch  dein  Amgang  soll  sich  hiernach  richten;  erregt  er  Verdacht,  so  bist  du
um  Vertrauen  und  Ehre.  Ein  jedes  Geschäft  muß,  so  redlich  es  auch  sei,  als  ein
Geheimnis  des  Laufes  betrachtet  werden.  Merke  das  Wohl.
Anmerkung.  Line  Ergänzung  zu  den  Arnoldischen  „Sittentafeln"  bilden  die  folgenden
„Lebensregeln  für  den  angehenden  Kaufmann"  von  Viktor  Böhmert  (in:  Sozialkorrespondenz. ­
  z.  Jahrgang,  Herausgegeben  von  Böhmert  und  v.  Studnitz.  Dresden,  Expedition
der  Sozialkorresxondenz,  !  8z9.  S.  IH8):
„;.  Sei  immer  wahrhaftig  und  zuverlässig,  lver  lügt,  verliert  das  vertrauen  seiner  Nitmenschen,
  das  zum  Fortkommen  in  der  lvelt  unentbehrlich  ist  und  im  Geschäftsleben  viel  schwerer
wiegt  als  bares  Geld.
2.  Achte  keine  Arbeit  gering,  und  wäre  sie  noch  so  schmutzig  und  langweilig.  Bilde  dir
nie  etwas  ein  auf  deine  etwas  bessere  Stellung  und  Bildung  und  behandle  die  unter  dir  stehenden
Personen  als  deine  Mitarbeiter,  von  denen  du  dich  nur  durch  höhere  Pflichten  und  größere
Verantwortlichkeit  unterscheidest.
3.  Lerne  frühzeitig  sparen  und  auch  den  Pfennig  achten  und  nicht  unnötig  vergeuden.  Das
moderne  Geschäftsprinzip  geht  dahin:  mit  kleinen  Gewinnen  große  Umsätze  zu  machen  und  nur
preiswürdige  lvaren  zu  liefern,  verachte  den  augenblicklichen  hohen  Gewinn,  der  dir  keine  Ehre
bringt  und  die  Kundschaft  verscheucht,  die  ein  Kaufmann  vielmehr  dauernd  an  sich  fesseln  soll,
und  wäre  es  im  Anfang  selbst  mit  kleinen  Opfern.  Dauernde  Geschäftsverbindung  und  Abschluß
von  Geschäften,  die  beide  Teile  befriedigen:  das  sei  deine  Losung.  Dabei  konunt  man  im  Anfang
schwerer,  aber  später  um  so  sicherer  vorwärts.
Lerne  dich  frühzeitig  selbst  beherrschen.  Ein  Kaufmann  braucht  nicht  bloß  Geschick,
warenkenntnis,  Kenntnis  der  Arbeits-  und  Fabrikationsprozesse  und  allgemeine  Bildung  mit  Fachbildung, ­
  —  also  kaufmännisches  Wissen  und  Können  —  sondern  vor  allem  Charakter.  Die  meisten
Menschen  kommen  durch  Lharakter  und  Selbstbeherrschung  zu  höherer  Stufe.
5.  Lerne  überhaupt  dich  in  der  Jugend  gehörig  vorbereiten  und  jetzt  dir  lieber  alles  versagen, ­
  als  irgend  etwas  versäumen,  was  Pflicht  und  Klugheit  gebieten.  Die  Lehrjahre  entscheiden
über  deine  ganze  Zukunft.  Jeder  vorzeitige  Genuß,  dem  du  jetzt  nachjagen  möchtest,  bringt  dich
um  den  ganzen  wahren,  reinen  Genuß  der  Zukunft.  Mit  einem  einzigen  verlorenen  oder  vergeudete» ­
  oder  auch  nur  nicht  recht  ausgenutzten  Lehrjahre  kannst  du  ein  ganzes  Menschenalter
deiner  Zukunft  oder  diese  Zukunft  selbst  verlieren;  denn  ein  einziger  Fehltritt  kann  dir  das  vertrauen ­
  deiner  Vorgesetzten  und  deiner  Mitarbeiter  und  Mitmenschen  auf  immer  rauben  oder  dich
auf  Jahrzehnte  zurückbringen.
6.  Sei  froh  und  mutig  auch  in  schlimmen  Zeiten  und  wenn  dirs  auch  äußerlich  schlecht
geht.  Bist  du  dagegen  im  Glück  und  gehen  deine  Geschäfte  gut,  so  bleibe  mäßig  und  demütig.
Bedenke,  daß  gute  Zeiten  wechseln  mit  schlechten,  und  daß  man  in  den  guten  Geschäftsjahren
haushalten  und  Vorsorgen  muß  für  Jahre  der  Entbehrung.
7.  Suche  dich  nicht  nur  als  Kaufmann,  sondern  auch  als  Mensch  überhaupt  fortzubilden
und  Körper,  Geist  und  Gemüt  harmonisch  zu  entwickeln.  Ganz  besonders  rate  ich  dir  auch  Volkswirtschaft ­
  zu  treiben,  damit  du  den  wirtschaftlichen  Zusammenhang  der  kleinsten  Dinge  mit  dem
großen  Ganzen  und  die  Aufgaben  deines  kaufmännischen  Berufes  innerhalb  der  menschlichen
Gesellschaft  recht  würdigen  und  die  Harmonie  der  Interessen  begreifen  lernst."  G.  M.
            
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