Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

122  Zweiter  Teil.  Landet.  VI.  Landlungsgehilfe  und  Landlungslehrling.
Wer  nur  gerecht  ist,  wird  hart;  wer  nur  natürlich  ist,  wird  roh.  Sei  gerecht
und  billig,  natürlich  und  gesittet.
Verdienstliche  Landlungen  erwerben  Achtung.  Liebe  ist  der  Bescheidenheit
Lohn;  Leuchelei  ist  falsche  Münze;  Wahrheit  ist  echtes  Gold.  Auf  krummen  Wegen
gehest  du  krumm;  du  gleitest  auf  schlüpfrigen.  Geradheit  ist  des  Mannes  Zier.  Ein
Plauderer  ist  ein  alberner  Dieb;  er  entwendet,  indem  er  verschwendet.  Ein  Verleumder
ist  ein  Ehrenräuber.  Mitwisser  und  Lehler  eines  Verbrechens  sein,  ist  eine  Missetat.
Die  Gemeinheit  neigt  zur  Gemeinheit;  so  erkennt  man  aus  deinem  Amgang
deinen  Sinn.  Böse  Gesellschaften  verderben  gute  Sitten;  darum  suche  nur  die  auf,
die  du  höher  achtest  als  dich,  und  mache,  daß  die  Guten  dich  suchen.
Am  dir  Menschenkenntnis  zu  erwerben,  lerne  dich  selbst  erst  kennen.  Willst  du
frei  sein,  beherrsche  dich  selbst.  Willst  du  immer  genug  haben,  lerne  entbehren.  Willst
du  gebieten,  lerne  gehorchen.
Beharrlichkeit  übt  sich  an  Lindernissen.  Lältst  du  die  Zeit  zu  Rate,  so  hast
du  Zeit;  suche  nicht  bloß  zu  erwerben,  sondern  auch  zu  erhalten;  erspart  ist  erworben.
Ordnung  ist  halbe  Arbeit.  Nicht  vom  Augenblick  erwarte  des  Fleißes  Lohn;
im  Frühling  hält  niemand  Ernte.  Auf  gerechtem  Gute  ruhet  Segen.  Liebe  zur
Wahrheit  ist  Liebe  zur  Tugend.  Tugend  aber,  mit  Geschicklichkeit  und  Kenntnissen,
ist  das  Kapital,  welches  in  sich  selbst  das  Anterpfand  seiner  Sicherheit  trägt,  Achtung
erwirbt  und  Zutrauen  erweckt  und  so  für  diese,  wie  für  jene  Welt  die  reichsten  Zinsen
bringt.
Sammle  daran  in  deinen  Lehrjahren,  damit  du  nicht  in  geistiger  Armut  und
sittlicher  Blöße  deine  Wanderjahrc  antreten  mußt.
II.
Nicht  wie  eine  Wissenschaft  allein,  nicht  wie  eine  Kunst  allein,  nicht  wie  ein
Landwerk  allein  lernt  man  die  Landlung.  Sie  legt  mechanische  Verrichtungen  auf;
—  nur  durch  Übung  erwirbst  du  Fertigkeit  darin,  nur  durch  Gewöhnung  erhältst  du
die  Lust  dazu.  Sie  fordert  wissenschaftliche  Kenntnisse;  —  nur  durch  fleißiges  Lernen
erlangst  du  dieselben.  Sie  seht  reiche  Erfahrung  und  reife  Arteilskraft  voraus;  —
beides  verschaffst  du  dir  nur  durch  Amgang  mit  Menschen  aus  allen  Ständen,  aufmerksame ­
  Beobachtung  und  sorgfältige  Behandlung  der  verschiedenartigsten  Gegenstände.
—  Aber  vor  allem  macht  sie  feine  Sitten  und  feste  Tugend  zur  Pflicht,  die  Früchte
langer  Gewohnheit  und  Selbstbeobachtung.
Am  zu  jenen  angehalten  zu  werden  und  diese  dir  zu  erwerben,  bist  du  in  der  Lehre.
Da  bleiben  wenig  Stunden  dir  zum  freien  Gebrauche  übrig,  und  so  wird  die
Benutzung  der  Zeit  zum  Gesetze  der  Notwendigkeit.
Arbeitsamkeit  wird  zur  Gewohnheit  nur  durch  anhaltende  Arbeit.
Läuslichkeit  lernt  derjenige  lieb  gewinnen,  der  sich  langezeit  ununterbrochen  im
Lause  hat  beschäftigen  müssen.
Wiederholung  derselben  Verrichtung,  derselben  Beobachtung,  derselben  Lernübung
führt  zur  Gründlichkeit.
Die  Strenge  ist  die  Lehrerin  der  Ordnung  und  diese  die  Seele  der  Geschäfte,
da  am  unentbehrlichsten,  wo  die  Gegenstände  am  mannigfaltigsten  sind.
Sparsamkeit  lehrt  der  Kleinhandel;  denn  er  ist  die  letzte  Land,  die  das  Ganze
verteilt  und  das  einzelne  zu  einem  Ganzen  vereinigt.  Du  lernst  da  den  Pfennig
achten;  aus  Pfennigen  werden  Taler.  Daher  wirst  du  im  Großhandel  den  Kleinhandel
nicht  gering  schätzen,  der  jenem  zu  Grunde  liegt.
Der  Kleinhandel  ist  die  Schule  der  Betriebsamkeit;  der  Spekulationshandel  geht
noch  über  deine  Fassungskraft,  die  aber  in  deiner  Lehre  eben  dafür  gebildet  werden  soll.
            
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