Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 395
die man, wahrscheinlich ironisch, auch weiterhin ..Proletarier“ würde
nennen müssen.
Daher war auch Stuart Mill, als er dieses Gesetz mit größerer
Schärfe, als irgendeiner seiner Vorgänger, formuliert hatte, über die
Folgerungen, die sich daraus ergaben, bestürzt. Hauptsächlich bewegte
ihn die Verurteilung zur Ohnmacht, die dieses Gesetz über die tapferen
Anstrengungen der damals emporkommenden Trade-Unions aussprach.
Wie alle Volkswirtschaftler der liberalen Schule hatte auch er die Ab
schaffung der Gesetze gegen die Koalitionen ebenso energisch verlangt,
wie die der Kornzölle; wozu sollte man nun aber den Arbeitern die Asso-
ziations- und Koalitionsfreiheit gewähren, wenn ein höheres Gesetz von
Anfang an jeden ihrer Versuche, ihren Lohn zu erhöhen, zu nichte machen
mußte? Zwei Volkswirtschaftler, Longe (1866) und Thornton (1869)
(in seinem Buch: On Labour) zogen die Wahrheit des Lohnfonds-Ge
setzes in Zweifel. Es kostete sie keine große Mühe, Stuart Mill zu be
kehren, der sogleich in der Fortnightly Review 1 ) einen Widerruf
veröffentlichte, der großes Aufsehen erregte, ja, man könnte fast sagen:
einen enormen Skandal in der klassischen Schule hervorrief. Die Be
kehrung war aber freilich nicht so ganz und gar vollkommen, denn in
den späteren Ausgaben seines Buches, -hat er die zitierten Stellen und
andere stehen lassen, die mit Hinsicht auf die Hoffnungen der Arbeiter
klasse auf den Erfolg ihrer eigenen Anstrengungen nicht weniger ent
mutigend sind 2 ).
Obgleich die Theorie des Lohnfonds durch den Abfall Stuart
Will’s stark erschüttert war, wurde sie doch nicht von allen klassischen
Volkswirtschaftlern aufgegeben und hat neuerdings in amerikanischen
Veröffentlichungen eine Art von Renaissance erlebt 3 ).
6. Das Gesetz der Rente. Wie wir gesagt haben, hat das Gesetz
l ) Nummer von Mai 1869, später abgedruckt in der Sammlung „Dissertations .
*) Ohne zu glauben, sich mit der klassischen Theorie in Widerspruch zu setzen,
nahm Stuart Mill an, daß die Trade-Unions die Beziehung zwischen Angebot un
Nachfrage ändern könnten: . ... , (
sei es, indem sie das Angebot an Arbeitskräften von seiten ihrer Mitglieder au
dem Arbeitsmarkt beschränkten; nur fürchtete er, daß die Lohnerhöhung, ie so eine
Folge einer Art von Monopol der organisierten Arbeiter sei, als Lohnerniedrigung für
die Menge der anderen zutage treten würde; sei es, indem sie die verfügbaren Arbeits
kräfte durch ein weitertragendes Mittel verringerten, nämlich durch die Beschran ung
m der Zahl ihrer Kinder; und er glaubte, daß die Trade-Unions in Wirklichkeit dies
z >el erreichen könnten, indem sie ihren Mitgliedern Gewohnheiten des Komforts em-
Pflanzten, die ihren Standard of life erhöhen würden. Zum Schluß endigt er daher
stets im Malthusianismus. TT . ..... Tr , ,
„ , 3 ) Siehe zahlreiche Artikel in den Quarterl,es der Universitäten Harvard und
Columbia. Und doch war es ein Amerikaner, Francis Walker, der durch sein Buch:
Die Wages Question (1876) am meisten dazu beigetragen hat, die Lehre vom Lohn-
° nds zu zerstören.