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Weltanschauung.
Seelenleben der Urzeit emportrieb, das wird heute bewußt und
mit den Mitteln einer unendlich gesteigerten Beherrschung der
Natur und des Geistes dem Seelenleben abgerungen: dort
Trieb, hier Bewußtsein, das ist der Unterschied.
Aber doch die gleiche psychische Grundlage? Wenn man
will, — ja. Dort ein Seelenleben, das unbewußt noch auf
dem Boden primitiver Reizempfängnis verlief, ohne daß die
höheren Potenzen dieses Lebens schon klar entfaltet gewesen
wären, — hier ein Seelenleben, das die Entfaltung dieser
Potenzen längst erlebt hat und nun auf die unter ihnen
liegende Schicht der bloßen Reizempfänglichkeit vorstellungsmäßig
bordringt und diese bewußt sich zur Reizsamkeit umbilden sieht.
Dies der klare Zusammenhang, der sich in tausend Einzel⸗
beobachtungen immer und immer wieder mit demselben End—⸗
ergebnis aufdrängt. Und nun die Wiederholung der bangen
Frage: bedeutet das den Verfall? Ist für uns schon die
Stunde gekommen, die der Dichter meint:
Leben ist ein einziges
Treppauf, Treppab, Treppab, Treppauf,
Bis wir mal auf einem Absatz
Tot zusammenbrechen.
Und immer sehen wir
Die obersten Stufen,
Wie bei der Jakobsleiter
In den Wolken verschwinden,
Die Stufen der Hoffnung,
Die ewig von der Sonne beschienen sind,
Die aus der Himmelsspalte
Sie umstrahlt.
Treppauf, Treppab,
Steigen und Niedergehn
Und endlich —
Steigen? Niedergehn?
(v. Liliencron.)
Der Historiker schweigt auf diese Fragen, und nur der
Zeitgenosse vermag zu reden. Sicher erscheint mir, daß eine
reine Nervenkultur den Anfang vom Ende bedeutet. Sie bedarf
dringend der Begrenzung, Durchwucherung, teilweise Über⸗
wucherung mit anderen Lebenskräften. So ist schon heute