fullscreen: Das Ich und der Staat

II. Das Jch in staatlicher Erziehung 17 
Als das Christentum Staatsreligion geworden war, machte es 
seinen Ausgleich mit dem weltlichen Staate: theoretisch galt der 
Körper des Ichs weiter als minderwertiger Ballast, den abzutöten 
verdienstvoll sei; praktisch wurden diesem Ballast oft mehr als die, 
für das Staatsleben unerläßlichen Zugeständnisse gemacht. Aber das 
siegreiche Christentum, das sich in der Erscheinungsform der Kirche 
selbst einen Körper von beträchtlicher Erdenschwere zugelegt hatte, 
erhob das ganze Mittelalter hindurch den Anspruch, auch das Leben 
des Staates bestimmend zu regeln. Von daher ist das Leben der 
abendländischen Völker belastet mit einer theoretischen Gering- 
schätzung der Pflege des Körpers, die für breite Schichten heute noch 
keineswegs überwunden ist. 
Erst die Renaissance brachte die körperliche Erscheinung des Ichs 
auch theoretisch, auch grundsätzlich wieder zu Ehren. Die Renaissance 
ist Auflehnung der Laienwelt gegen den Anspruch des Kirchen- 
regiments, auch das Eigenleben des weltlichen Staates bestimmend 
zu regeln. Erst die Renaissance hat den freien Staat wieder entdeckt, 
in ihren Anschauungen wurzelt unsere Anschauung vom Staat. Und 
wie die Renaissance im harmonisch ausgebildeten Fch wieder den 
brauchbarsten Staatsbürger erblickte, so auch die Gegenwart. 
In den Schulen, die die Reformation – diese rein religiöse 
Gegenbewegung gegen das Kirchenregiment – gegründet hat, spielt 
Körperpflege dagegen keine Rolle. Sie kann, als gleichberechtigtes 
Bildungsziel für den werdenden Staatsbürger, eine Rolle spielen 
überhaupt nur in der reinen Staatsschule. Denn Körperpflege als 
sittliche Forderung + darüber muß man sich selbst nur nichts vor- 
machen ~ hat mit der für uns maßgebenden Religion, mit dem 
Christentum, nichts zu tun, im Gegenteil, sie widerstreitet der grund- 
sätzlichen Einstellung des Christentums zum Dasein in der Zeit- 
lichkeit. 
Wer also, im Ausblick auf eine harmonische Durchbildung des 
Ichs, die Körperpflege für ebenso wichtig hält wie die Geistespflege, 
der wird schon von hier aus die reine, von keinen außerstaatlichen 
Einflüssen abhängige Staatsschule fordern müssen. Auch die reine 
Staatsschule wird aber nicht umhin können, gerade hier der Tatsache 
Rechnung zu tragen, daß das Ich gemeinhin in zwei Ausgaben vor- 
Harms, Das Ich und der Staat 2
	        
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