Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

300 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Galilei, 
menschlichen Intellekts mit dem göttlichen Geiste, als dem Schöpfer 
und Urgrund der Objekte, ist das Mittelglied, das den Zusammen- 
hang von Idee und Wirklichkeit herstellt und verbürgt. Auf Er- 
klärungsgründe dieser Art hat Galilei endgültig verzichtet: sie ge- 
hören, wie er klar erkennt und ausspricht, einem andern Gebiet 
und einer anderen Fragestellung, als der der Wissenschaft, an. 
In dem mechanischen Grundwerk Galileis wird der Satz abge- 
leitet, dass ein Körper, der von dem höchsten Punkte einer Kreis- 
peripherie herabfällt, alle Sehnen des Kreises, die von diesem Punkt 
aus gezogen werden können, in gleicher Zeit durchmisst: denken 
wir uns also eine Mannigfaltigkeit von Körpern von einem ge- 
meinsamen Ausgangspunkte aus nach allen Richtungen auf un- 
endlich vielen, schiefen Ebenen von verschiedener Neigung herab- 
rollen, und betrachten wir die verschiedenen Lagen, die sie nach 
einer bestimmten Zeit einnehmen, so wird der Inbegriff von Punk- 
ten, der dadurch entsteht, stets einen Teil einer Kugelperipherie 
ausmachen. Simplicio knüpft an diesen Satz die Bemerkung, 
lass hier ein grosses Mysterium und einer jener verborgenen 
Gründe berührt zu werden scheine, die die Erschaffung des Alls 
selbst geleitet haben: eine Andeutung, die ersichtlich auf Kepler 
zielt, der in der Tat wiederholt mit dem Gedanken gespielt hatte, 
lass die Weltschöpfung nach der Analogie und dem Sinnbilde 
ler geometrischen Gestalt der Kugel zu begreifen sei.111y Um so 
»harakteristischer und geschichtlich bedeutungsvoller wirkt in 
diesem Zusammenhang die Enigegnung Galileis: er wolle solchen 
tiefen Betrachtungen nicht widerstreben, nur führten sie auf 
Lehren, zu deren Höhe er selber nicht aufstrebe: „UNS muss es 
genügen, dass wir jene weniger erhabenen Werkleute sind, die 
den Marmor aus der Tiefe hervorsuchen und ans Licht fördern, 
aus dem der Fleiss des Künstlers sodann die wunderbaren Ge- 
bilde erzeugt, die unter seiner rauhen und einförmigen Hülle ver- 
borgen lagen‘“.112) In der stolzen Selbstbescheidung dieser Worte 
sondert sich für immer das Gebiet der wissenschaftlichen Forschung 
and der ästhetischen Phantasie, wandelt sich Keplers Zweckbegriff 
der Harmonie in den Gesetzesbegrilf der neueren Zeit. 
Es sind nur die ersten begrifflichen Ansätze der Problem- 
stellung Galileis, die uns in den bisherigen Erwägungen entgegen- 
iraten: aber auch sie enthalten im Keime bereits fundamentale
	        
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