& 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. II. /1
Begriffs des Grenznutzens formuliert zu werden pflegt, ist also nicht
richtig. Wenn man überhaupt von einer Schätzung der Bedürfnisse
sprechen will, müßte man sich etwa mit folgendem Satz begnügen:
Bei der gegebenen Preislage wird jedes Bedürfnis, das niedriger ge-
schätzt wird als der Preis der Bedürfnisbefriedigung von der Bedürfnis-
befriedigung ausgeschlossen, während die übrigen Bedürfnisse, die
wenigstens gleich dem Preis geschätzt werden, befriedigt werden.
Wenn man die Gesamtheit aller verschiedenen Einzelwirtschaften
in einer großen Tauschwirtschaft betrachtet, kann man wohl mit ge-
nügender Genauigkeit behaupten, daß ein Gut, das in verschiedenen
kleinen Portionen verkauft werden kann und Gegenstand einer allge-
meinen Nachfrage ist, einen Grenznutzen stiftet, der dem Preis des
Gutes gleichkommt. Denn bei der großen Zahl der Käufer wird sich
wahrscheinlich jemand finden, der eine Einheitsdosis des Gutes eben
nur zum Preise desselben schätzt. Man pflegt auch einen solchen Käufer
einen Grenzkäufer zu nennen. Es ist also für den Preis dieser Art von
Gütern annähernd richtig, daß das Verhältnis zwischen Grenznutzen
und Preis in allen Zweigen der Bedürfnisbefriedigung dasselbe ist, und
man kann diesen Satz als eine Lösung des Problems der gleichmäßigen
Bedürfnisbefriedigung der gesamten Tauschwirtschaft unter gewissen
Beschränkungen akzeptieren. Diese Formulierung hat aber weder
dieselbe unmittelbare Klarheit wie diejenige, zu welcher eine Betrach-
tung der notwendig beschränkenden Wirkung der Preisbildung auf die
Bedürfnisbefriedigung führen muß, nämlich, daß diejenigen Bedürfnisse,
für welche die betrachtete Wirtschaft den Preis der Bedürfnisbefrie-
digung zu zahlen bereit ist, befriedigt werden, andere nicht.
Die Einführung des Begriffs des Grenznutzens gewährt also keinen
wesentlichen Vorteil, wenn auch zuweilen durch die Anwendung des
Wortes eine gewisse Bequemlichkeit gewonnen werden kann. Als man
diesen Begriff einer ganzen ökonomischen Theorie zugrunde legen wollte,
indem man den Grenznutzen als den Bestimmungsgrund des Preises
oder des „Wertes‘“ erklärte, ist man in eine vollständig unhaltbare
Stellung hineingeraten. Die Preisbildung hat nämlich hach dem Prinzip
der Knappheit die Aufgabe, die Nachfrage so zu beschränken, daß sie
mit dem zur Verfügung stehenden Gütervorrat befriedigt werden kann.
Die Nachfrage nach einem Gute muß also irgendwo durch den Preis
desselben abgeschnitten werden. Wenn dann die Bedeutung des zuletzt
befriedigten Bedürfnis gleich dem Preis ist, kann dies unmöglich so
ausgelegt werden, daß diese Bedeutung den Preis bestimmt. Vielmehr
bestimmt der Preis, wieweit die Bedürfnisse befriedigt werden sollen,
und also welches das ‚,letzte‘‘ Bedürfnis oder das ‚Grenzbedürfnis‘“
ist. Der Preis aber wird selbst von der Bedingung hestimmt, daß die
Nachfrage so weit reduziert werden muß, daß sie von der zur Verfügung
stehenden Gütermenge eben gedeckt wird. Jeder Versuch, die soge-