Full text: Bevölkerungslehre

3. Kap. Das Altertum 43 
„Die zunehmende Aufsaugung der Bodenrente von seiten des 
Kapitals durch Auswucherung bäuerlichen Klein- und Mittelbesitzes, 
das Legen zahlloser Bauernstellen durch Auskauf oder Austreibung 
und das unaufhaltsame Umsichgreifen des rein kapitalistischen Be- 
triebs der Bodenwirtschaft, der großen Weidegüter und Plantagen, 
die systematische Verdrängung freier Tagelöhner und Pächter und 
als notwendige Folgeerscheinung die Entstehung eines zahlreichen 
ländlichen Proletariats, für das es meist keine andere Hoffnung, 
mehr gab, als die Verwertung seines Bürgerrechts in Rom, das aber 
freilich durch seine Masseneinwanderung nur dazu beitrug, die auch 
hier ohnehin schon schwer genug fühlbare Störung des sozialen 
und ökonomischen Gleichgewichts auf das Empfindlichste . zu 
steigern *)“. Wir haben es hier mit einem Beispiel dafür zu tun, 
daß das Gleichgewicht zwischen Wirtschaft und Bevölkerung auch 
durch gesellschaftliche Faktoren Störungen erleiden kann. 
So kamen hier die schroffen Gegensätze zwischen Reich und 
Arm auf und diese Zustände waren es, denen die Gracchen mit ihren 
Reformen abhelfen wollten, Pläne, die aber an dem Widerstand 
der Senats- und Adelspartei scheiterten. Die enteigneten kleinen 
Grundbesitzer fanden gegenüber der Konkurrenz der massenhaft 
vorhandenen Sklaven auf dem Lande keine Arbeit, sie wanderten in 
die Stadt, um in das Proletariat zu versinken. „Im Altertum zog 
man in die Städte, nicht um Arbeit, sondern um Almosen zu suchen, 
im Gegensatz zu heute, wo die Industrie ruft“?), Hier vor allem in 
Rom begegnen wir nun dem Elend, wie es uns hauptsächlich Pöhl- 
mann dargestellt hat %). 
Von besonderem Interesse sind die staatlichen Versuche, die 
großstädtische Übervölkerung zu bekämpfen. Wir begegnen 
in Rom öfters dem Versuch, die nahrunglosen Individuen der Haupt- 
stadt durch Ansetzungen in Ackerbaukolonien zu versorgen. Man 
lese die Symptome der damaligen Armut, die Friedländer zu- 
sammengestellt hat*). Dazu kamen als typische Erscheinungen 
temporärer Übervölkerung immer wieder Teuerungen, da die 
überfüllte Stadt auf den Ertrag überseeischer Ernten angewiesen 
war. Man war beständig im Angesicht einer Teuerung und nicht 
selten in Hungersnot, schreibt Mommsen in seiner „Römischen 
*) Pöhlmann, a. a. O., Bd. 2, S. 435. 
?) J. Salvioli, Der Kapitalismus im Altertum, Deutsch 1912, S. 135. 
3) R. Pöhlmann, Die Übervölkerung der antiken Großstädte, 1884. 
4) L. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms, 9. Aufl., 
(919, Bd. I, S. 158.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.