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stehen neue Unternehmungen, alte gehen ein oder werden ver
schmolzen. Die russische Statistik versagt in diesem Punkte völlig,
und so ist das Resultat, dass über die Verteilung der hier inve
stierten Milliardenwerte nur wenige unmittelbar Beteiligte genauere
Kenntnis haben. Man ist hier lediglich auf Zeitungsnotizen an
gewiesen.
An Kartellierungsversuchen hat es in der russischen Petroleum
industrie nicht gefehlt. Schon 1886 kam unter Führung Nobels
das erste Syndikat zu stände. Es zerfiel einige Jahre später mit
dem Tode Ludwig Nobels. 1893 gelang es dann dem schnell
mächtig gewordenen und durch keinen ebenbürtigen Gegner mehr
gehinderten Rothschild, ein zweites Syndikat zu gründen, in dem
er — wenigstens für den Export — ausschlaggebend war. Auch
dieses Syndikat bestand nur einige Jahre. 1895 wurde ein Fabrik-
kartell ins Leben gerufen, das aber 1899 wegen Anziehens der
Weltmarktpreise von den sich benachteiligt glaubenden kleineren
Fabriken wieder aufgelöst wurde.
1904 kam nach langen Bemühungen ein neues Exportsyndi
kat unter der Führung von Mantaschew zu stände. Es ist aber
weniger von Bedeutung, weil Nobel und Rothschild ausserhalb
desselben blieben — letzterer, weil er seine Sonderinteressen nicht
aufgeben wollte, ersterer, weil er schon 1899 in ein festes Ver
tragsverhältnis zum Standard Oil Trust getreten war (zu dem
höchst wahrscheinlich auch Rotschild schon in engeren Bezie
hungen stand). Dieses Verhältnis wurde allerdings Mitte 1905
wieder gelöst.
Die Voraussage, die man der russischen Erdölindustrie stellen
kann, ist keine allzu gute. Wegen der übermächtigen Konkurrenz
der Amerikaner wäre eine das ganze kaukasische Oelgebiet um
fassende Fabrikations- und Absatzorganisation ohne Zweifel die
beste Lösung der heiklen Frage. Ein solches Monopol ist aber
kaum mehr möglich. Mangel an Unternehmungsgeist, Energie
und Kapital haben den Russen nicht wieder zu heilende Wunden
geschlagen.
1. Ein Produktionsmonopol ist nicht möglich, weil die guten
bekannten Oelterrains alle in festen Fländen sind und z. T. Firmen
gehören, deren widerstreitende Interessen (Uebermacht Rothschilds)
sich nicht unter einen Hut bringen lassen.
2. Ein Transportmonopol im Oelgebiet selbst und infolge
dessen ein Absatzmonopol ist nicht möglich, da die Bahnen im