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wenn das Völkerrecht sich durchzusetzen vermöchte, aber viele Erfahrungen
zeigen, daß man vorsichtigerweise mit dem Bruch desselben rechnen muß. Ver
gessen wir nie daran, daß die europäischen Truppen, die in China als Ver
treter der europäischen Zivilisation auftraten, nicht nur gegenüber der Bevölkerung
sich manchen Übergriff erlaubten, sondern auch aus dem Palast Gegenstände
wegführten, die nicht militärischen Zwecken dienten. Die so erbeuteten astro
nomischen Instrumente, deren Wegnahme Bülow im Reichstag zugestand, wurden
auch nicht zurückerstattet, sondern als nachträgliches Geschenk der chinesischen
Regierung behalten. In solchen Dingen gibt übrigens meist derjenige den Ton
an, der die brutalere und rücksichtslosere Kampfmethode wählt. Wenn z. B.
die Feinde in ein Land eindringen und auf völkerrechts
widrigen Widerstand stoßen, üben sie leicht Repressalien,
und dann bleibt es bekanntlich nicht beim Au g um Aug,
Zahn um Zahn stehen, sondern es heißt bald Leben um Aug,
Arm um Finger. Die Brutalität, die Völkerrechts Widrig
keit wird rasch überboten, es dauert nicht lange, und eine
allgemeine Verwilderung reißt ein. Diese Verwilderung droht
insbesondere dort, wo man mit Menschen einer fremden Kultur zusammenstößt,
deren Verhalten von dem unseren abweicht.
Wie man in der Napoleonischen Zeit gegen kommerzielles Eigentum ver
fuhr, ist sehr lehrreich. Die Ein|griffe kannten bald keine Grenzenl mehr und
veranlaßten Luden zu dem Ausspruch: „Wehrlosigkeit führt zur Knechtschaft.“
Im Oktober 1806 beschlagnahmten die Franzosen für 8 Millionen Mark Waren
in Sachsen und verkauften sie um 5,6 Millionen Mark im April 1807 an die Sachsen
zurück. Das heißt, sie zogen eigentlich den Zwischengewinn für die Kontrii-
butionskasse ein. Ähnlich gingen sie in Hamburg und 1809 in Triest vor. Es
würde ermüden, wollte ich die zahllosen Eingriffe hier zusammenstellen. Es
wäre verfehlt, zu glauben, daß derartiges heute unmög
lichwäre. In 100 Jahren ändert sich die Welt nicht so grundsätz
lich. Die französischen Zolleinnahmen gingen von 54 Millionen Mark im
Jahre 1807 auf 21 Millionen Mark im Jahre 1809 zurück, aber der einmalige
Ertrag aus der Beschlagnahme, Versteigerung usw. von den Kolonialwaren
betrug 120 Millionen Mark. Man sieht bereits aus diesen Ziffern, um was für
Warenmassen es sich gehandelt hat. Diese Massenkonfiskationen drängten
dazu, die Zirkulation (dieser Warenmengen im Interesse der Napoleonischen Herr
schaft auch ohne Handels weg zu ermöglichen. Sehr bezeichnend ist in dieser
Richtung ein Brief Napoleons an Bernadotte: „Ich werden Ihnen für 20 Mil
lionen Francs Kolonialwaren geben, die ich in Hamburg habe. Sie geben mir
für 20 Millionen Francs Eisen. Sie werden in Schweden für die Ausfuhr kein
Geld haben. Treten Sie die Kolonialwaren den Kaufleuten ab, die den Zoll
zahlen, und Sie können sich dann des Eisens entledigen. Ich brauche in Ant
werpen Eisen und habe Überfluß an Kolonialwaren.“ Das ist der Ton,
in dem in einem Weltkrieg geschrieben wurde und wohl auch
wieder geschrieben würde, wenn es zu einem solchen kom
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Man hört zuweilen, daß ein Staat keine Armee brauche, denn was könnte
der Sieger tun? Das was Napoleon getan hat. Hamburg mußte vom Mai 1813 bis
zum Mai 1814 gegen 40 Millionen Mark an Napoleon zahlen. Ein zeitgenössischer
Schriftsteller hat berechnet, daß die Hamburger in diesem Zeitraum für 5 Mil
lionen Mark bereits 10 000 Mann hätten auf die Beine stellen können, das heißt,
eine Armee, die bei der Abwehr des Napoleonischen Angriffes wohl in Betracht
gekommen wäre. Wenn ich es auch nicht für zulässig halte, so leichthin von
einer Versicherung des Handels gegen den Feind durch Aufwendung von Rüstungs
geldern zu sprechen, weil der Versicherungsbegriff doch heute schon eine zu präzise
Bedeutung hat, um zu einer so unbestimmten Analogie verwendet werden zu
dürfen, so zeigt dies vorliegende Beispiel, daß es doch wohl lohnt, darüber nach-
zudenken, was für Folgen militärische Wehrlosigkeit haben kann.
Wie wenig Neutralität hilft, zeigt das Verfahren der Engländer während der
Napoleonischen Kriege. Sie befürchteten, Napoleon könne in Dänemark ein
fallen. Daraufhin erschienen sie vor Kopenhagen, bombardierten, ohne daß