Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

1. Die kurze Erzählung der Entwicklung der Lyrik, wie 
sie soeben gegeben worden ist, läßt noch eine Welt von litterar⸗ 
historischen Fragen offen. Denn es war hier keineswegs die 
Aufgabe, eine Litteraturgeschichte der Gegenwart in der Nuß 
zu geben: nur gewisse Hauptrichtungen sollten gekennzeichnet, 
nur der Zusammenhang derselben mit der allgemeinen Ent— 
wicklung des Seelenlebens sollte nachgewiesen werden. Daß 
dabei an dem gezeichneten Bilde von litterarhistorischer Seite 
her vieles zu ändern und zu bessern sein wird, unterliegt 
keinem Zweifel: aber der Nachweis einer engen und allgemeinen 
Verbindung unserer modernen Lyrik mit dem weiten Bereich 
der nationalen Phantasiethätigkeit und der Bewegung der 
nationalen Psyche wird dadurch nicht aufgehoben werden, 
sondern nur noch verstärkt zum Ausdruck gelangen. 
Gehen wir jetzt daran, uns die Entwicklung der Kunst⸗ 
erzählung in den jüngsten Zeiten zu vergegenwärtigen, so gelten 
da dieselben Gesichtspunkte: nur daß sich die Übersicht bei der 
geringeren Bedeutung der Erzählung für die Entfaltung der 
Phantasiethätigkeit noch verhältnismäßig kürzer wird fassen 
lassen. 
Unter den Werken der Kunsterzählung wird man zunächst 
zwei große Gruppen zu bilden haben: eine höherer Idealisierung 
umd gebundener Rede, und eine mehr unmittelbarer Wieder— 
gabe der Wirklichkeit und der Sprache der Prosa. In der 
Gruppe der Prosaerzählungen aber kann man wieder mit den 
Brüdern Hart (Kritische Waffengänge 6, 53) am besten drei
	        
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