Object : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

120 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

des norddeutschen Bundes und des deutschen Reiches, seit 1868), die verschiedenen
statistischen Zeitschriften, die Specialorgane für auswärtigen Handel, Kolonialpolitik,
innere Kolonisation, Arbeiterverhältnisse, Versicherungswesen ꝛc. zeigen den ungeheuren
Stoff, den es zu bewältigen gilt. In dem Handbuch der politischen Okonomie von
Schönberg, 3, jetzt 5 Bde., 1882 —-95, 4. Aufl., sowie in dem Handwörterbuch der
Staatswissenschaften von Conrad, Elster, Lexis und Loening, 5 Bde., 2 Suppl.Bde.,
1890 -97, 2. Aufl. 1900, sowie in L. Elsters Wörterbuch der Volkswirtschaft, 2 Bde.,
1898, hat dieses Material eine geordnete Zusammenfassung erhalten, wie sie bisher in
gleichem Maße objektiv und vollständig nicht existierte.
Die anderen Länder find dieser Bewegung zögernd, aber doch im ganzen auch
gefolgt. In England hatten Th. Tooke mit W. Newmarch eine Geschichte der Preise
(zuerst 1838, dann fortgesetzt bis 1856, deutsch 1888) geliefert, welche in ihren Grund—
gedanken der alten Schule angehört, aber durch ihre sorgfältige empirische Untersuchung
der volkswirtschaftlichen Erscheinungen von 1750—1880 die alten Theorien wesentlich
berichtigte. Th. E. Rogers machte dann den Versuch, eine englische Wirtschafts—
geschichte vom Mittelalter an nur auf Grund von urkundlichen Preisnotizen zu liesern
(History ot prices and agriculture, 1866, 1882, 1887, 6 Bde., zusammengejsaßt in:
Six centuries of work and vwages, the history of englisn labour, 1884; endlich
The economieé interpretation of history, 1888); aus diesem Material konnte der man—
chesterliche, aller rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Schulung entbehrende Gelehrte freilich
nur einzelne Erscheinungen richtig aufhellen, vieles mußte bei ihm verzerrt und falsch
sich darstellen (vergl. meine Kritik J. f. G. VB. 1888, 203 ff.), aber es war doch ein
großer, epochemachender Anlauf historischer Untersuchung unternommen. Und wenn nun
Th. Carlyle (Socialpolitische Schriften, deutsch 1895) mit Keulenschlägen von seinem
idealistisch⸗religiösen, tief innerlichen Standpunkt aus den materialistischen und individua—
listischen Mammonismus und harten Konkurrenzkampf seiner Zeit angriff, wenn Ruskin
ihn dabei mit seinem ästhetischen Idealismus nnterstützte, wenn die christlichen Socialisten
der vierziger Jahre mit ihrer Verherrlichung der Brüderlichkeit und des Genossenschafts—
wesens folgten (Brentano, Christlich-sociale Bewegung in England, J. f. G. B. 1883),
wenn die Lehren A. Comtes eine ganze positivistische Schule in England erzeugten
(F. Harrison, Beesly, H. Crompton, G. Howell, Th. Wright), welche vor allem das
Ungenügende der Ricardoschen Theorie für die großen, immer dringlicher werdenden
socialen Probleme empfand, so waren das lauter Richtungen mit einem höheren Über—
blick und einer tieferen Erfassung der Probleme; und sie leiteten alle mehr oder weniger
auf eine Rückkehr zur lebensvollen Beobachtung und Schilderung der Arbeiterverhältnifse
hin. Thorntons Buch über die Arbeit (1868, deutsch 1870), J. M. Ludlows und
Lloyd Jones „Arbeitende Klafsen Englands“ (1868, auch deutsch) waren die Vorläufer
einer großen derartigen social-empirischen Litteratur, als deren Spitze man heute das
Werk von Booth über die Armen und die Arbeiter Londons (Labour and life of the
people, 1889 ff., vergl. J. f. G.B. 1897, 229) und die schon erwähnten Werke der
Eheleute Webb bezeichnen könnte. Daneben erörterten Th. E. Cliffe Leslie (Land
systems, 1870; Essays in moral and political philosophy, 1879 u. 88), D. Syme
(Outlines of an industrial science, 1876) und J. K. Ingram (History of pouitical
oconomy, 1888, deutsch 1890) die principiellen, methodischen und litterargeschichtlichen
Fragen in ähnlichem Sinne wie die deutsche historische Schule. Und in dem deider zu früh
verstorbenen A. Toynbee (Lectures on the industrial revolution in England, 1884) tritt
uns ein Meister realistischer Analyse und großen historisch⸗philosophischen Sinnes ent⸗
gegen; ihm schließen sich in W. J. Ashley, der direkt an die deutsche historische Schule
anknüpft (An introduétion to économic history and theory, 2 Bde., 1888 und 1893,
auch deutsch; Surveys historic and économic, 1900) und W. Cunningham (The growth
of english industry and commerce, 1881, 2. Aufl., ẽ Bde., 1890 -92) die ersten durch—
gebildeten Wirtschaftshistoriker an, die, auf das Gange der volkswirtschaftlichen und
soeialen Entwickelung gerichtet, entschlossen sind, von ihrem Standpunkt aus das brüchige
alte doamatische Lehrgebäude zu stürzen oder umzubauen.
            
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