Full text: Durch Abessinien und Erythräa

Die astronomische und die physische Hypothese. 265 
Harmonie nicht in den Tönen selbst liegt, sondern erst von 
unserem Geiste erschaffen wird, so bringt erst die gedankliche 
Regel Einheit und Zusammenhang in das Chaos der Empfindun- 
gen. Was uns unmittelbar gegeben ist, sind stets nur Zeichen 
und „Symptome“, nicht die inneren Gründe der Naturvorgänge; 
diese sind niemals durch direkte Wahrnehmung, sondern nur 
durch Vernunftbegriffe zu fassen, die wir hypothetisch aufstellen, 
um sie nachträglich in ihrer Fruchtbarkeit für die künftige Be- 
abachtung zu bewähren.4®) In dem Motto, das er seiner Schrift 
über die Marsbewegungen voranstellt, nimmt Kepler scherzend 
den Lehrstuhl des Petrus Ramus, den er demjenigen ver- 
sprochen hatte, dem es gelingen würde, eine Astronomie ohne 
Hypothesen zu schaffen, für sich in Anspruch. Ein Brief an 
seinen Lehrer Mästlin gibt hierzu die Begründung und den 
Kommentar. Besagt die Forderung nur die Verwerfung aller 
Annahmen, die, statt sich auf wissenschaftliche Beweise zu 
stützen, blinden Glauben verlangen, so ist sie durch Copernicus 
und durch ihn selbst, als dessen echten Nachfolger. erfüllt: 
verlangt sie indes die Ausschaltung der Hypothesen überhaupt, 
der wahren und naturgemässen, wie der willkürlichen und er- 
dichteten, so ist sie grundlos und töricht: eher aber — fügt 
Kepler launig hinzu — müsse er für sich selbst eine königliche 
Professur in Anspruch nehmen, als er sich entschliessen könne, 
den Ramus einen Toren zu nennen.“) Der Astronomie den 
Gebrauch der Hypothese zu versagen, hiesse ihr den Lebensnerv 
abschneiden, hiesse den astronomischen Begriff selbst ent- 
wurzeln. — 
Hier liegt denn auch die scharfe Grenzscheide, die Keplers Har- 
moniebegriff von der Neuplatonischen und Neupythagoreischen 
Conception des Alls sondert, mit der er anfangs noch eng ver- 
bunden und verquickt scheint. Die Mathematik als solche und 
ohne schärfere logische Bestimmung und Kennzeichnung vermag 
die Trennung nicht zu vollziehen: war sie doch innerhalb der 
Renaissance, und noch zuletzt bei Agrippa von Nettesheim, 
selbst in den Dienst der Mystik und Magie gedrängt worden. 
Der Versuch, die Wirklichkeit in reine Zahlenverhältnisse aufzu- 
{ösen, führt zu blossen allegorischen Spielen, wenn er sich nicht 
von Anfang an in den Dienst der strengen, kausalen Ana-
	        
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