266 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.
Iyse der Naturvorgänge stellt, wenn er die Mathematik nicht als
eine Bedingung der empirischen Gesetzeserkenntnis ver-
stehen und brauchen lehrt. Kepler selbst hat die geschichtliche
Aufgabe, die ihm an diesem Punkte zufiel, mit unübertrefflicher
Klarheit durchschaut und ausgesprochen. Wenn er dem Ver-
hältnis des „goldenen Schnitts“ allgemeine spekulative Wahrheiten
abzugewinnen sucht, wenn er es bis in die Wirkungen der orga-
nischen Natur, bis in die Entstehung und Bildung der Pflanzen
hinein verfolgt — so bleibt er sich bei alledem bewusst, dass
die „Wahrheit“ der Naturdinge in der Anhäufung derartiger Ana-
logien nicht ergriffen wird. „Auch ich spiele mit Symbolen und
habe ein Werk ersonnen, das den Titel „Cabbala geometrica“
‚ühren und von den Ideen der Dinge handeln soll, soweit sie sich
in der Geometrie finden. Aber ich spiele so, dass ich nie-
mals vergesse, dass es sich nur um ein Spiel handelt.
Denn durch Symbole wird Nichts bewiesen; kein Geheimnis der
Natur wird durch geometrische Symbole enthüllt und ans Licht
gezogen. Sie liefern uns nur Ergebnisse, die schon zuvor bekannt
waren; — wenn nicht durch sichere Gründe dargetan wird, dass
sie nicht lediglich Gleichnisse sind, sondern die Art und die Ur-
sachen der Verknüpfung der beiden mit einander vergliche-
nen Dinge zum Ausdruck bringen.%) Und wie Kepler hier gegen
diejenigen kämpft, die sich kraft der mathematischen Symbole
der physikalischen Ursachenforschung für überhoben halten, so
muss er sich auf der anderen Seite gegen ’eine Ansicht wenden,
die das lebendige Sein der Natur unabhängig von der idealen
Begriffswelt der Mathematik ergreifen zu können wähnt. Die
Natur soll — wie der Mystiker Robert Fludd es gegen Kepler
ausspricht — direkt in voller Gegenständlichkeit erfasst, nicht
aus den Abstraktionen des Denkens bestimmt werden. Die
Antwort, die Kepler hierauf erteilt, beleuchtet den neuen Begriff
der Wirklichkeit. Jeder Beweis und jede deduktive Ableitung
muss in abstrakten Begriffen erfolgen, die indes die realen Ver-
nältnisse der Dinge vollständig ausdrücken und widerspiegeln,
„denn was könnte einander ähnlicher sein, als das Abbild dem
Urbild?“ Wenn Fludd zur Erkenntnis der Wesenheit der Dinge
auf höhere Prinzipien, als die mathematischen verwiesen hatte,
so gesteht Kepler, dass ihm das „nakte Innere“ der Substanzen,