fullscreen: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Giordano Bruno. 
notwendig dazu gelangen, auch sein eignes Sein und Wesen 
zu verneinen... Dem Verstand allein kommt das Urteil und die 
Entscheidung über alles zu, was nicht direkt und gegenwärtig ge- 
geben, sondern räumlich und zeitlich von uns getrennt ist. Die 
Wahrheit nimmt zwar von den Sinnen als einem ersten schwachen 
Anfang ihren Ausgangspunkt, aber sie hat in ihnen nicht ihren 
Sitz: sie ist in dem sinnlichen Objekt wie in einem Spiegelbilde; 
in der Vernunft in der Form diskursiven Denkens; im Intellekt 
als Prinzip und Schlussfolgerung; im Geiste endlich in ihrer 
ureigenen und lebendigen Gestalt enthalten.“12) So sehen wir 
den Begriff des Unendlichen mit dem Problem des Selbstbe- 
wusstseins in Beziehung gesetzt: Copernicus ist für Bruno der 
geistige Befreier der Menschheit, weil er die krystallenen Sphären, 
in die der Zwang der Sinne und ein Jahrhundertelanger Irrtum 
uns einengte, zerbrochen hat und damit das Selbst und seine 
Erkenntniskraft ins Ungemessene erweitert hat, An der Unbe- 
Sschränktheit der neuen objektiven Aufgaben erst gelangt das 
Denken zum Bewusstsein seiner Reinheit und Unabhängigkeit. 18) 
Wenn die Wahrnehmung zur Ausübung ihrer Funktion des 
äusseren Reizes und der Hinwendung auf ein äusseres Sein be- 
darf, so ist es dagegen der Charakteristische Vorzug des Intellekts, 
dass er seinen objektiven Inhalt aus sich selbst schöpft; — dass 
er zugleich das Licht ist, das alle Gegenstände erleuchtet und 
das Auge, das sie sieht.!4) Dieses Licht ist uns innerlicher gegen- 
wärtig und unserm Bewusstsein deutlicher und fassbarer, als 
aller Glanz der äusseren Gegenstände es für unser Gesicht sein 
kann; denn während dieser zugleich mit der Lichtquelle, der er 
entstammt, entsteht und vergeht, beharrt jenes in der unwandel- 
baren Einheit und Identität, die dem eigenen Ich zukommt. 15) 
Wahrhaftes Begreifen ist daher stets ein inneres Lesen und 
Verstehen: die „intellectio“ ist „interna lectio“, Wir sind dieser 
Wendung, die aus der Erkenntnislehre des Thomas von Aquino 
stammt, bereits bei Campanella begegnet: hier jedoch in einem 
Zusammenhang, der den Gegensatz der Denkart klar hervortreten 
lässt. Dem Intellekt blieb bei ihm keine andere Leistung, als die 
Aufnahme des von aussen gegebenen Stoffes in das eigene Sein: 
‚intellectus: nil intus Jegit, nisi deforis acceperit per sensum“.16) 
Es darf indes nicht übersehen werden, dass Brunos Begriffs-
	        
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