Die natürlichen und wirtschaftlichen Schranken der Bevölkerungsverdichtung. 185
Niederungen) bewohnt, und wenn auch später nun die Waldgebiete, die Höhen und
Gebirge, die Sandflächen und geringen Böden bebaut werden, der Verdichtungsprozeß
bleibt hier ein beschränkter, wie man schon daraus sieht, daß noch heute nur 1 Prozent
des Festlandes der Erde über 8000 Seelen, nur 6 Prozent 2-8000 Seelen pro Geviert—
meile tragen, daß auf einem Siebentel der Erde drei Viertel aller Menschen wohnen.
Mag vollkommenere Technik, Bewässerung und Verkehr daran noch vieles ändern, mag
heute teilweise noch Trägheit die Massen in den alten Mittelpunkten der dichten Be—
völkerung festhalten, das deuten doch die erwähnten Thatsachen an, daß die der mensch—
lichen Kultur zugänglichsten Gebiete längst reichlich besetzt sind, daß der Trost, erst ein
Drittel der Erde sei angebaut, nicht sehr weit her ist. Freilich kann in Amerika, Afrika,
Australien, Asien die Bevölkerung noch um Hunderte von Millionen wachsen; Ravenstein
berechnet, äußersten Falles hätten 6000 Millionen statt der jetzigen 1800 Millionen
auf der Erde Platz; es mögen sogar 10 -12000 Mill. sein. Aber was setzte diese
Dichtigkeit voraus? Welche Hindernisse ständen im Wege, um die großen Menschen—
massen Europas etwa in die zu bewäfsernde Sahara überzuführen? Außerdem wären
bei 100400 jährlicher Zunahme 1600 Mill. in 140 Jahren schon bei 6000, in
weiteren 70 Jahren bei 12000 angekommen.
Es ist klar, daß der Verdichtungsprozeß überall da am leichtesten sich vollzieht,
wo ein Volk über ein Gebiet verfügt, das teilweise noch sparsam bebaut ist oder gar
noch größere und fruchtbarere Gebiete als die besetzten umschließt. Da kann eine große
innere Zunahme und Kolonisation bei stabiler Technik fast ohne Anderung der Sitten
und Institutionen erfolgen. In dieser Lage sind heute Rußland, die Vereinigten Staaten,
einzelne Teile Indiens. Wo es sich aber darum handelt, daß fast aller gute und zu—
gängliche Boden bebaut ist, daß große Gebiete nur etwa durch Bewässerungs- oder andere
schwierige Kulturarbeiten (in Deutschland z. B. die 42ÿ500 Geviertmeilen Moorland)
gewonnen werden können, da ist die Verdichtung schon viel schwieriger. Und noch mehr
ist sie es, wo nur eine allgemeine Veränderung der Technik, eine Vervollkommnung
aller wirtschaftlichen Kräfte und ihrer Organisation die wachsende Zahl von Menschen
auf derselben Fläche zu ernähren gestattet. Wir sind damit beim Kern der Frage.
Nehmen wir zunächst an, es handele sich nur um technische Fortschritte; auf die
übrigen ebenso wichtigen Bedingungen kommen wir gleich. In erster Linie steht die
landwirtschaftliche Technik, die uns die Nahrungsmittel liefert. Ein Volk, das bisher
von der Jagd lebte, soll Viehzucht und Ackerbau lernen; ein nicht seßhaftes soll dem
Acker- und Gartenbau sich zuwenden; es sollen statt den extensiven die höheren intensiven
landwirtschaftlichen Betriebssysteme erlernt werden. Welche Summen von Schwierigkeiten
sind da zu überwinden. Schon Klima und Boden setzen, wie bereits erwähnt, den
Fortschritlen verschiedene, nirgends ganz übersteigbare Grenzen entgegen; selbst die voll—
fommenste Technik kann im Norden nicht die Lebensmittel für 10—15 000 Menschen
auf der Geviertmeile erzeugen; die intensivere Landwirtschaft liefert bei höheren Kosten
von einer gewissen Grenze an abnehmende Erträge. Wenn wir die Geschichte der Land—
wirtschaft uͤberblicken, so sind die eingreifenden landwirtschaftlich-agrarischen Fortschritte
die feltensten, vielgefeierten Ereignisse der Geschichte; sie haben sich schwer und langsam
verbreitet; ihr Sieg hängt nicht bloß von Klima, Boden, Rasse und glücklichen Schick—
salen, sondern auch von Änderung der Sitten, des Rechts, ja aller geiellschaftlichen
Institution ab. Der Übergang von der Dreifelderwirtschaft z. B. zum Fruchtwechsel
und zur freien Wirtschaft brauchte einige Jahrhunderte in Europa; die ganze mittel⸗
alterliche feudale Agrarverfassung mit ihrer Klassenbildung, ihrer Lokalverfassung, ihrem
Eigentumsrecht, ihrer Grundeigentumsverteilung mußte erst fallen, ehe die höheren
Betriebsformen für 8— 8000 statt für 158000 Menschen Lebensmittel pro Geviertmeile
erzeugen konnten.
Und doch ist die wirtschaftliche Veränderung vielleicht noch nicht die schwierigste,
so lange es sich nur darum handelt, in demselben Gebiete für die einheimische Bevölkerung
mehr Lebensmittel zu erzeugen. Handelt es sich dann aber um die höhere gewerbliche,
Handels- und Verkehrsentwickelung, zuerst um die Entstehung von kleinen Städten.