Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Absolute und relative Übervölkerung. Ausblick in die Zukunft. 187 
Übervölkerung vorhanden sei oder drohe, d. h. eine solche Dichtigkeit, welche gegenüber 
den vorhandenen Lebensbedingungen und volkswirtschaftlichen Aussichten als Druck 
empfunden werde. Daß eine solche in verschiedenem Grade sich immer wieder einstellt, 
scheint eine historische Notwendigkeit, ja eine Bedingung des Fortschrittes. Wo die 
Menschen sich halbwegs wohl fühlen, bei 1000 wie bei 8000 Menschen pro Geviertmeile, 
da triit ein rasches Wachstum ein, und erst wenn es eingetreten ist, wenn überall das 
alte Kleid der Gesellschaftsverfafsung zu eng wird, sinnt man auf technischen und Ver— 
kehrsfortschritt, entstehen die Impulse zu moralischen und geistigen Fortschritten, die 
verbesserten Institutionen. Die Völker, die dazu nicht imstande find, stagnieren, altern, 
gehen zu Grunde; die gesunden und kräftigen vollziehen die Fortschritte, aber nicht ohne 
weiteres, sondern in einem Ringen und Kämpfen, in einem Tasten und Suchen, das 
oft Generationen hindurch dauert. Immer schwieriger und komplizierter werden die 
Aufgaben. Unlösbar sind sie auch heute noch lange nicht. 
Die Wege der Lösung sind für jedes Volk wieder andere. Für unfere deutsche 
Gegenwart werden wir sagen können: 1. müssen wir für einen reichlichen Bevölkerungs- 
abfluß womöglich nach eigenen Kolonien sorgen, 2. müssen wir, ohne das Zweikinder— 
fystem zu empfehlen und ohne Rückkehr zu polizeilichen Schranken der Niederlassung 
und der Ehe, dahin streben, daß die proletarischen, überfrühen Ehen mit zu zahlreichen 
schwächlichen Kindern und übergroßer Kindersterblichkeit sich mindern. Die unteren 
Klassen müssen die Sitten des Mittelstandes in Bezug auf Ehe und Kinder annehmen, 
sie werden das in dem Maße thun, wie man sie durch die richtigen socialen Reformen 
geistig, moralisch und wirtschaftlich hebt. Dadurch wird auch der größten Gefahr jeder Uber— 
völkerung vorgebeugt, welche darin liegt, daß die Lebenshaltung der unteren Hälfte des 
VBolkes fiark herabgedrückt wird. In den mittleren und oberen Klassen ist umgekehrt 
der Ehelosigkeit, den Geldheiraten, der Prostitution und allen ähnlichen Erscheinungen, 
die sich als unmoralische Folge der Bevölkerungsverdichtung darstellen, mit allen den 
Mitteln entgegenzuwirken, die von innen heraus helfen. Das ist freilich nicht leicht 
in Zeiten, in welchen der Goldsegen wirtschaftlicher Aufschwungsperioden Luxus, Genuß— 
sucht und Liederlichkeit in weiten Kreisen steigert. Aber es ist nicht unmöglich, wenn 
von oben herab ein gutes Beispiel gegeben, die Mißbräuche und Entartungen bekämpft 
werden. Es gehört außerdem aber 83. dazu, daß nach allen Seiten eine richtige Wirt— 
schafts- und Handelspolitik die innere Verdichtung und die Ausbreitung der Bevölkerung 
nach außen, soweit sie möglich ist, befördere und erleichtere: innere Kolonisation, 
Parzellierung der schlecht verwalteten großen Güter, Pflege des technischen Fortschrittes 
in Landwirtschaft und Gewerbe, Verbesserung aller Unterrichtsanstalten, Hebung der 
Macht und des Ansehens nach außen, Förderung unseres Exportes wie unserer land— 
wirtschaftlichen Eigenproduktion, Hinarbeiten auf eine gleichmäßigere Einkommens— 
verteilung, das sind die Ziele, die man im Auge haben muß. 
Das Bevölkerungsproblem greift in alle Lebensgebiete hinein, fordert überall Zucht 
und Selbstbeherrschung, Weitsicht und thatkräftiges Handeln. Auch das tüchtigste Volk 
wird die zwei selbständigen Bewegungen der zunehmenden Menschenzahl und des wirt— 
schaftlichen Fortschrittes nie ganz in Übereinstimmung bringen können; aber es kann 
die Dissonanzen mildern in dem Maße, wie es mo—ralisch, geistig und technisch sich 
vervollkommnet. — 
4. Die Entwickelung der Technik in ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung. 
Allgemeines: E. Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. 1877. — Laz. Geiger, 
Zur Entwickelungsgeschichte der Menschheit. 1878. — Noiré, Das Werkzeug und seine Bedeutung 
ür die Entwickelungsgeschichte der Menschheit. 1880. — Bourdeau, Les forces de l'industrié. 
i8S84. ders, Histoire de V'alimentation. 1894. — E. Her mann, Technische Fragen und Probleme 
der modernen Volkswirtschaft. 1891. 
Die urgeschichtlichen Epochen der Technik: G. Klemm,- Allgemeine Kulturgeschichte der Mensch- 
heit. 1843. 7Bde. — Ders., Allgemeine Kulturwissenschaft. 2 Bde. 1854. — Tylor, Forschungen 
uͤber die Urgeschichte der Menschheit. Engl. 1865, deutsch o. J. — Ders, Anfänge der Kultur. 2 Bde. 
Fugl. 1871,deutsch 1873. — Lubbock, Die vorgeschichtliche Zeit. Engl. 1865, deutsch 1874. —
	        
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