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(1467) 1877 Juli 19
Hierbei das Neueste von Wilhelm. Wegen des Manuskripts
habe ich ihm einfach geantwortet, ich würde Dir den Brief ein-
schicken. Er hat wirklich 3 ganze Artikel im Cachot verfertigt, die
in No. 80 und 81 des Vorwärts stehn. Elende Achselträgerei, glän-
zendes Exempel, wie er Deine Kritik des Programms in eine
Verherrlichung desselbigen umschreiben würde. Mit seiner For-
derung eines Artikels über den Krieg hab ich ihn abfahren lassen:
ich wolle den Herrn Zukunftssozialisten den Raum im Vorwärts
nicht streitig machen und nicht wieder zu Geschrei Veranlassung
geben, als erfülle ich das Blatt mit fernliegenden und die Masse x
der Leser, die Phantasien statt Tatsachen zu wünschen scheinen,
nicht interessierenden Dingen.
Das Elend ist nur, daß unsre Leute in Deutschland so jammer-
volle Gegner haben. Wäre auf der Bourgeoisseite nur ein einziger
fähiger und ökonomisch gebildeter Kopf, er würde die Herren 1
bald auf den Pott setzen und ihnen Klarheit über ihre eigne Kon-
fusion verschaffen. Aber was kann bei einem Kampf herauskom-
men, wo hüben und drüben nur Gemeinplätze und Philisterkohl
die Waffen sind! Gegenüber dem höheren Bürgerschädel in
Deutschland entwickelt sich ein neuer deutscher Vulgärsozialis- 2
mus, der sich würdig an den alten „wahren Sozialismus“ von 1845
anreiht.
Die Türken müssen rasch machen, wenn die Sache gut ablaufen
soll. Erlauben sie den Russen, in Bulgarien und am Südabhang
des Balkans sich ein russisches Festungsviereck zu bilden, so 25
kann die Geschichte dort chronisch werden, und eine Pointe auf
Konstantinopel wäre dann nicht unmöglich, d. h. eine, die wie 1828
auf bloß moralische Wirkung — oder auf Verrat — berech-
net ist. Und Verrat scheint ganz on the cards zu sein. Daß in
Nikopolis — sonst, nach dem russischen Übergang, ohne große zo
Wichtigkeit — Verrat vorgegangen, scheint mir klar. Noch nie
haben sich 6000 Türken hinter Wall und Graben ohne Sturm er-
geben — außer Varna 1828. Ich werde ganz nervös bei den täg-
lich zweimal einlaufenden Zeitungen mit russischer Aktion und
unveränderlicher türkischer Untätigkeit; schlechter ging’s selbst #
1828 nicht, wo keine türkische Armee bestand.
Geh doch zu Gumpert und laß Dir was für die Schlaflosigkeit
geben, er ist jetzt noch da, und der Trip wird Dir gut tun. Laß
die Sache nicht wieder zu weit gehn — ich vermute, Du gehst wie-
der Mitte August nach K[arlsbad], und bis dahin hast Du einen w
Monat, der doch besser im gesunden Zustand verlebt wird. Hier
geht’s auch nicht besonders. Lizzie ist seit gestern ohne allen
sichtbaren Anlaß sehr unwohl; zum ersten Mal versagt das See-
bad seine Zauberkraft bei ihr, und ich fange an, ernste Besorg-
nisse zu hegen.
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