Full text : Der Bolschewismus

32 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik,

kungen der bolschewistischen Herrschaft über Rußland weltgeschichtlich
 betrachtet ganz anders aussehen werden, als es ihre
Theorie, ihre Zielsetzung vorsah. Es ist durchaus sinnvoll, zu
erörtern, ob etwa Ustrialow recht hat, wenn er glaubt, daß die
bolschewistische Herrschaft Rußland vor allem von dem Einflusse
des westlichen Kapitalismus befreit habe, daß durch sie ein neues
nationales, eurasiatisches Russisches Reich geschaffen worden sei,
daß also Lenin und Stalin die Fortsetzer Peters des Großen sind.
Diese Anschauung wird dadurch nicht widerlegt, daß sie voreilig
formuliert wurde, d. h. bestimmte Wandlungen der bolschewistischen
 Methoden in ihrer Bedeutung überschätzte. Es ist auch
v. Eckardts Behauptung durchaus erwägenswert, daß durch die
bolschewistische Herrschaft Rußland zu einer europäischen Wirtschaftsprovinz
 werde, also die modernen kapitalistischen Wirtschaftsmethoden
 übernehme; v. Eckardt meint, daß die Union
der sozialistischen Sowjetrepubliken Europa und Amerika viel
näherstehe als das Heilige Mütterchen Rußland: „Gerade weil es
sich bestimmt fühlt, den kapitalistischen Imperialismus der weltbedeutenden
 Mächte zu bekämpfen, muß es sich dem Gegner anzleichen,
 ihm nacheifern, ihm geistig folgen.“ *
Aber von diesen Vorstellungen aus an die geschichtliche Betrachtung
 der bolschewistischen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik
 in ihrer Entwicklung heranzugehen, ist unberechtigt. Das
führt nur zu falschen Perspektiven. Man ordnet die Entwicklung
voreilig in Zusammenhänge ein, in die sie nicht hineingehört,
und ist daher von der Gefahr bedroht, durch die Zukunit dementiert
 zu werden, d. h. gelegentliche Rückzugsmanöver der Bolschewisten
 zu überschätzen, die Gesamtlinie ihres Handelns nicht zu
sehen. Daher wird in diesem Versuche, eine Darstellung der
bolschewistischen Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik in ihren
Grundlinien zu geben, stets der Zusammenhang mit dem Ziele des
sozialistischen Aufbaues beachtet. Für kommende Historiker der
russischen Revolution, denen die innere Geschichte der bolschewistischen
 Partei in ganz anderer Weise zugänglich sein kann als
uns, die wir über sie fast nur zu agitatorischen Zwecken untertichtet
 werden, wird es sehr reizvoll sein, zu untersuchen, wie
Lenin allmählich zur Aufgabe seines ersten großen politischtaktischen
 Irrtums, ohne den er wohl nie den Mut zur Machtäbernahme
 gehabt hätte, gekommen ist. Dieser Irrtum bestand
in einer falschen Tempobemessung, d. h. der Einschätzung der
Zeit und der Möglichkeit für die Schaffung einer sozialistischen
Gesellschaftsordnung, mag auch die Annahme unrichtig sein, daß
            
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