Full text : Der Bolschewismus

Die neue ökonomische Politik (NEP). 109

Gründen, sondern aus wirtschaftspolitischen. Der sozialistische
Sektor durfte nicht zurückgedrängt werden. Es wurden also Vorbereitungsmaßnahmen
 für die Aufnahme des sozialistischen Ansturmes
 getroffen.
Auf die Dauer ließ sich die neue ökonomische Politik als
Kompromiß zwischen einer staatlichen Regulierung der Wirtschaft
und der durch die Bedürfnisse erzwungenen Öffnung eines freien
Marktes nicht unverändert fortführen. Es zeigte sich, daß der freie
Markt stark genug war, dem Staate das Gesetz des Handelns
vorzuschreiben. Die Preise der Industrieprodukte mußten gesenkt
werden, mochten diese Maßnahmen auch fiskalischen Plänen
widersprechen. Die Rücksicht auf die Getreidelieferung der Bauern
forderte das. Die staatliche Einfuhr- und Ausfuhrpolitik geriet
immer mehr in Abhängigkeit vom Getreidemarkt, so daß Kamenew
auf dem bolschewistischen Parteitag 1926 das Wort prägen konnte:
„Der Kulak hat uns reguliert“; denn der Getreidemarkt wurde vom
sog. wohlhabenden Bauern, dem Kulaken, beherrscht, dem es
gelungen war, infolge seiner besseren Ausrüstung mit Arbeitsinstrumenten,
 Zugtieren usw. im Dorfe eine vorherrschende Stellung
 zu erlangen, seinen Willen den von der Regierung begünstigten
 Mittelbauern (Seredniak) aufzuzwingen. Dabei muß beachtet
 werden, daß die Agrarrevolution zu einer Vermehrung der
Besitzer und Verringerung der Betriebsgröße geführt, der Kulak
also in keiner Weise etwa mit einem deutschen Großbauern zu
vergleichen ist?
Die politische Gewalt drohte also durch die gesellschaftliche
Entwicklung geschwächt zu werden. Es bildeten sich starke wirtschaftliche
 Klassen, der Kulak und die ihm in den Städten entsprechende
 NEP-Bourgeoisie der Händler, der Pächter der kleinen
Betriebe usw. Sie blieben zwar politisch rechtlos; mochte auch in
den Dorfsowijets der Kulak sich behaupten können, so drang er
doch nicht in die maßgebenden Partei- und Staatsinstanzen durch.
Aber ökonomisch spielten sie eine entscheidende Rolle.
Die bolschewistische Partei wurde durch diese Auswirkungen
der NEP vor die Entscheidung gestellt, ob sie sich ihnen anpassen
 oder ob sie den Versuch machen sollte, sie durch eine
energische staatliche Wirtschaftspolitik zu bekämpfen. Einzelne
Druck- und Abwehrmaßnahmen gegen die Träger des freien
Marktes waren da sinnlos, es handelte sich darum, einen Kurs zu
beginnen, der die gesamte Entwicklung des Wirtschafts- und Gesellschaftsaufbaues
 bestimmte. Dieser Kurs mußte, sollte er erfolgreich
 sein, sich nicht nur damit begnügen, das weitere Vor-
            
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