Stalin und Trotzkli. 157
jener Klasse alter Bolschewisten, über deren Beschränktheit auch
Lenin geklagt hat, die aber durch die Erfahrungen der. Macht mit
dem Selbstgefühl und Selbstbewußtsein einer aufsteigenden Schicht
sich zu guten Organisatoren und Taktikern entwickelt haben,
Im Unterschiede zu Lenin, der ein Gelehrter hätte sein können,
besitzt er keine geistigen Interessen. Der Bolschewismus ist für
ihn etwas völlig Selbstverständliches — da sein ganzes Leben
durch ihn bestimmt worden ist. Die raffinierte Taktik und das
Entwickeln diplomatischer Fähigkeiten während der Parteidiskus-Sionen
ist mit einer Grobheit verbunden, die auch vor Lenin selber
nicht haltgemacht hat.
Stalins Gegenspieler in der Partei ist Trotzki”. Ein typischer
Revolutionsliterat, dem es sehr stark auf äußere Effekte ankommt,
der sich nicht, wie Stalin, einfach mit der Machtausübung begnügen
könnte. Den alten Bolschewisten erscheint er als typischer Vertreter
eines Emigrantentums, das sich im Grunde genommen vor
der lästigen Alltags- und Organisationsarbeit gedrückt hat. Der
Phraseur, der Revolutionsheld — das ist die Charakteristik, die ihm
in diesen Kreisen gegeben wird. Im Unterschiede zu Lenin ist er moralisch
eine sehr problematische Figur. Die Eitelkeit läßt oft schwer
entscheiden, ob er wirklich der Sache oder der eigenen Person dient.
Vielseitig interessiert, liebt er über die verschiedensten Themen
zu schreiben. Der Kriegskommissar veröffentlicht literargeschichtliche
Studien. Fin zündender Redner, der in kritischen Augenblicken,
wie seine Rolle während des Oktoberaufstandes beweist,
unentbehrlich ist. Lenin hat seine organisatorischen, die Umgebung
elektrisierenden Fähigkeiten während des Aufbaues der Roten
Armee anerkannt. Doch fehlt ihm die einheitliche Linie, die Sicherheit,
die Stalin auszeichnet. Er hat mehr Einfälle als Ausdauer.
Widerspruch erträgt er nicht, wie seine Neigung zu offener Mitarbeitsverweigerung
— z. B. an einer Kommission während des
sog. Gewerkschaftsstreikes — beweist. Die wohl unbewußte Überschätzung
seiner persönlichen Bedeutung läßt ihn die Wichtigkeit
der Organisationstechnik im Alltag, die Stalin so meisterhaft handhabt,
unterschätzen. Auch sein Anhänger Eastman hat betont, daß
er es nicht verstanden habe, um sich zuverlässige Mitarbeiter zu
£Truppieren.
So wird er von Stalin allmählich isoliert, zumal er sich — bei
allen Anläufen zur Machtergreifung in der Partei — doch nicht
zu einem Bruche der Disziplin entschließen konnte. Die Koalition
mit den andern, von Stalin zurückgedrängten Führern Kamenew,
Sinowjew, Radek, Preobraschenski, Smilga usw. kommt zu spät.